Vorwort
Nachdem
am 16. November 1893 ein Vertrag zur Gründung einer Firma unter der Bezeichnung
„Zuckerfabrik Oschatz – Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ abgeschlossen
wurde, begann ein Jahr später, am 11. Oktober 1894, die Fabrik mit ihrer ersten
Kampagne.
Bis
zum 31. Dezember 1990 existierte dieses für Oschatz, trotz zeitlich begrenzter Aktion
so markante Industrieobjekt, welches vor allem in seinen Kampagnezeiten von
sich reden machte. Das waren 96 Betriebsjahre mit 91 Rübenkampagnen und fünf Jahre
als Futtermitteltrockenwerk. Glanzvolle, aber auch schicksalhafte
Betriebsjahre.
Der
Oschatzer Geschichts- und Heimatverein unter Leitung von Gabriele Teumer hat
sich schon seit Jahren die Aufgabe gestellt, nicht nur die bauliche und
bildliche Darstellung der Stadt, sondern auch deren Industrialisierung zu
erforschen und diese Ergebnisse zu publizieren, um späteren Generationen diese
interessante, inzwischen bereits vergangene Zeitepoche, näher zu bringen. Den
Auftakt dazu gibt die Geschichte der Zuckerfabrik, die seit 1991 als totes
Relikt mit zunehmendem Verfall nur noch
Erinnerungen vor Augen führt. Um diese wieder lebendig werden zu lassen, habe
ich Archive aufgesucht, Zeitschriften und heimatliche Literatur durchforstet,
mit zahlreichen früheren Betriebsangestellten gesprochen und eigene
Nachforschungen angestellt. Das Ergebnis war überraschend positiv, so dass
genügend Material zusammenkam, um die Geschichte der Zuckerfabrik
interessant, aber auch illustriert genug
darstellen zu können. Dennoch erhebt das Ergebnis keinen Anspruch auf
Vollständigkeit, da der Autor nicht vom Fach und die Kunst darin bestand, aus
der Fülle des Materials und der internen Gespräche das Wichtigste zu erkennen
und wieder zugeben.
Besonderen
Dank gebührt dem Südzuckerarchiv Obrigheim (Pfalz) und einst betriebzugehörigen
Personen, die mir bei meinem Vorhaben stets aufgeschlossen entgegen kamen.
Reiner Scheffler Februar / April 2009
Titelbild: Sammlung Korn (Ausschnitt)
 Die Einrichtungen der Zuckerfabrik von der Ostseite aus betrachtet. Fotoquelle:
Stadtarchiv Oschatz
Zucker
Ebenso
wie Salz, hat auch der äußerlich gleich aussehende Zucker eine immense
Bedeutung, denn er ist ein schnell wasserlösliches Kohlenhydrat, welches auch
für den menschlichen Organismus lebensnotwendig ist. Wir kennen Zuckerprodukte als Honig, Sirup, Rohrzucker oder als industriell
gefertigte Raffinate (Puder-, Würfel-, Kristallzucker.)
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Es
ist somit ein Lebensmittel zum Süßen von Speisen und Getränken, zum
Konservieren und Backen, sowie zur
Herstellung von Marmeladen und Gelees. Industriell gefertigten Zucker gewinnt
man aus Zuckerrohr, einer bis zu fünf Meter hohen schilfähnlichen tropischen
Kulturpflanze (Süßgras), deren Stängel ein Mark enthält, welches bis zu 20% Zucker liefern kann.
Hauptanbaugebiete sind die karibischen Inseln, Südamerika und Indien. Der in den
Stängeln enthaltene Marksaft wir von Walzen ausgequetscht. Bis zur Gewinnung
des Rübenzuckers musste der Rohrzucker in Europa eingeführt werden. In unseren
gemäßigten Anbauzonen gewann ab 1850 die gezüchtete Zuckerrübe an Bedeutung,
deren reiner Zuckergehalt bis auf 22% der Rübenmasse gesteigert werden konnte.
Im Jahr 2005 wurde weltweit 74% des Zuckers aus dem Rohr und 26% aus der Rübe
produziert. Trotz des Erfolges mit der Rübe ist dessen Produktion leicht
rückläufig.
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 Zuckererzeugnisse
neuerer Produktion, Roh- oder auch Gelbzucker genannt, wurde dem Verbraucher nicht angeboten. Foto: Scheffler
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Die Zuckerrübe
Die
Zuckerrübe entstammt der Familie der Nutzpflanzen und ist eine Züchtung der
Futterrübe. Die wichtigste landwirtschaftsbezogene Futterrübe ist die
Runkelrübe, die regional auch als Dickrübe bezeichnet wird. Die Runkel, mit
ihrem wissenschaftlichen Begriff als „Beta vulgaris“ benannt, ist ein Gewächs
der „Gänsefußgattung“, zudem auch die Rote Rübe oder auch der Mangold gehört.
Dass die Runkelrübe bei den Tieren als Futtermittel bevorzugt angenommen wird
und auch für eine stete Gewichtszunahme sorgte, lag vorrangig an deren
Zuckergehalt. Das erkannte 1747 auch der Berliner Chemiker Andreas Sigismund
Marggraf und wies in der Rübe einen bis zu 5%igen Zuckergehalt nach. Marggraf
(1709-1782) begann daraufhin mit der Pflanze zu experimentieren, indem er durch
jahrelange Züchtungsversuche der bisherigen Runkel zu einem höheren
Zuckergehalt verhalf. 1784 lag ein wissenschaftlicher Nachweis seiner nun
weißen und gegenüber der Runkel langschwänzigen Rübe vor. Auf bis zu 20% Zucker
war man gekommen. Ein Ergebnis, mit welchem man der Zuckerrohrpflanze Paroli
bieten könnte, wenn man es verstünde, den Zucker, ebenso wie aus dem Rohr,
industriell herzustellen. Diese Aufgabe nahm sich der Chemiker Franz Karl
Achard (1753-1821) an, indem er sich mit Marggraf zusammentat und diesen schon
bald als seinen Lehrmeister und Förderer schätzte. Achard setzte das
Züchtungswerk Marggrafs fort und befasste sich verstärkt mit der
Rübenzuckergewinnung. Seine Erfolge gipfelten später darin, dass man ihn als
„Vater der Zuckerrübe“ benannte und er schließlich 1789 als Begründer der
Rübenzuckerfabrikation galt. Über seine Forschungstätigkeiten verfasste er 1799
ein wissenschaftliches Werk über die Kultur der Zuckerrübe und die
Grundprinzipien des Rübenanbaues. 1801 ließ er im niederschlesischen Cunern die
erste Zuckerfabrik Deutschland errichten.
In
der Folgezeit nahm die gezüchtete Zuckerrübe (Beta vulgaris altissima) einen so
erfolgreichen Werdegang, dass sie schon bald einen höheren Stellenwert als den
des Zuckerrohres besaß, obwohl die Gewinnung des Rübenzuckers schwieriger und
aufwendiger war. Ein weiterer Grund des Rübenvorteils war darin zu sehen, dass
die Blätter der Rübe eingesäuert ein hochwertiges Futter für die Tierhaltung
ergaben.
Doch
um aus der Rübe den bisher beschriebenen Zuchterfolg nebst Zuckergewinnung auszuschöpfen,
bedurft es in Aufzucht, Pflege und auch Ernte einiger Richtlinien, die bereits
Achard dem Anbauer wissen ließ und die auch heute noch anerkannt sind. Da wären
zunächst die biologischen Erkenntnisse, denn die Zuckerrübe ist eine
zweijährige Pflanze, die erst im zweiten Jahr einen Blütenstand nebst Samen
bildet. Im ersten Jahr entwickelt sich oberirdisch eine Blattrosette mit bis zu
20 Laubblättern. Unterirdisch ist sie ein Pfahlwurzler, ihre Wurzeln können bis
über einen Meter tief in den Boden reichen. Die Normalernte erfolgt im ersten
Vegetationsjahr im Herbst. Die Rübe hat dann ein Gewicht von 700 bis 1200g.
Der höchste Zuckergehalt konzentriert sich im Mittelteil. Zu großen Rüben haben
einen geringeren Zuckeranteil. Für einen guten Ertrag benötigt man gemäßigte
Temperaturen, viel Licht, Wasser und einen tiefgründigen nährstoffreichen
Boden. Der beste Boden muss lößhaltig (Quarz, Ton, Kalk) sein, trockener Sand
oder zähe Tonböden eignen sich für einen Rübenanbau nicht. Die Aussaat erfolgt
Mitte März bis Anfang Mai in tiefgepflügten Boden im Reihenabstand von 45 cm
und einer Tiefe von 3cm. Bis zum Ende der 1970er Jahre wurden die
Rübenpflanzen noch per Hand verhackt und verzogen. Eine ungeliebte Tätigkeit,
bei der gegen Naturalien oder Bezahlung
oft Zusatzkräfte angeworben werden mussten. Ebenso mühsam und zeitaufwendig war
ab Mitte September die Ernte der Zuckerrübe. Mit Spaten, Gabel oder einem
Rübenheber wurden die Rüben herausgestochen. Heute wird zunächst das
Blattwerk entfernt, dann die Rübe aus dem Boden gepflügt und danach durch einen
Rübensammler eingeholt. Inzwischen gibt es Rübenvollerntemaschinen, welche alle
Tätigkeiten zusammen verrichten. Die Blätter der Rüben werden gehäckselt als
Futter oder Dünger verwendet.
Hauptverbreitungsgebiete
der Zuckerrübe finden wir seit 1900 in ganz Europa, aber auch in den USA, Kanada
und Asien. Deutschland gehört neben Polen und Frankreich mit etwa 500 000
Hektar Anbaufläche zu den Hauptproduzenten. Der Anbau erfolgt hier vorrangig in
Mecklenburg, in der Pfalz, an Rhein und Mosel, in der Börde, an der Saale, in
Nordsachsen und in der Lausitz. Pro Jahr werden zwischen 2,9 und 3,8 Mill.
Tonnen Zucker hergestellt. Pro Kopf werden davon 33 kg verbraucht. Schutzzölle
der EU halten die konkurrierenden Rohrzuckereinfuhren in Grenzen. Doch die
Zuckerrübe liefert nicht nur Zucker und Tierfutter. Ein wichtiges Nebenprodukt
ist die Melasse. Dieser Sirup dient der Alkoholgewinnung, als Nährstoff für
Hefen und Säuren. Die Rübe wird in Gänze auch zur Gewinnung von Bio- Ethanol
oder als schnellvergärbares Substrat genutzt. Schließlich sei auf den
Speisesirup (Rübenkraut) hingewiesen, der nach Jahren der Abstinenz wieder im
Handel ist.
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Die Zuckerrübe (Beta vulgaris altissima) und ihr Konkurrent das Zuckerrohr (Saccharum officinarum) Fotoquelle: Wikipedia und www.botanik-fotos.de
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Landwirtschaftliche Hochburgen waren einst Zuckerfabriken
Die
gezüchtete Rübe machte schnell Furore. Dort, wo die Bodenbeschaffenheit für die
sogen. „Hackfrucht (locker und feucht) gegeben war, witterten
Gutsbesitzer, Aufsichtsräte und Landpächter durch Anbau und Verwertung der Rübe
ein gutes Geschäft. Bereits ab 1830 schuf man Einrichtungen, um aus dem
Rübensaft Sirup und Rohzucker herzustellen. Der Begriff „Fabrik“ ist trotz
einer bereits maschinellen Fertigung noch überbewertet. Der Volksmund
bezeichnete die frühen Rübenverwerter als „Saftquetschen“. Eine solche wurde
1836 auch in Oldisleben errichtet, um dann 1872 mit Hilfe der Magdeburger
Maschinenfabrik Röhrig in ein echtes
Fabrikunternehmen aufgebaut zu werden. Die Zuckerfabrik Oldisleben hat als
museale Einrichtung überlebt. Echt maschinelle Zuckerrübenverwertung kam in
Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Jetzt schossen die
Fabriken in humus- und lößreichen Fluren wie Pilze aus dem Boden. Schlesien war
Vorreiter, dann folgten an Frankreich angrenzende Bereiche. In Pommern und
Sachsen bereiteten zähe Verhandlungen über das wie und wo Zeitverzögerungen.
Auf den torfhaltigen „Friedländer Wiesen“ wurden mit Fabriken in Jarmen,
Tessin, Stavenhagen, Friedland und Anklam gleich mehrere
Verwertungsmöglichkeiten geschaffen, wobei Anklam (1883) zu ihrer Zeit die
größte Zuckerfabrik Europas war. In unserer Region erlangte ab 1873 Brottewitz
Bedeutung. Bis zur Errichtung eines Bahnanschlusses im Jahre1882 hatte die
Fabrik einen eigenen Geschirrfuhrpark nebst Pferdehaltung. 1883 errichtete man in Döbeln eine Zuckerfabrik,
die um 1900 als die drittgrößte Deutschlands eingestuft wurde. Erst 1889 folgte
Delitzsch. Über das in Oschatz folgende Unternehmen werden in den nächsten
Kapiteln ausführlicher berichtet werden.

Die
östlich Rostocks gelegene Zuckerfabrik Tessin hatte, wie auch die von Oschatz,
einst einen regel- und schmalspurigen Gleisanschluss. Foto:
Sammlung Scheffler
Der langwierige Weg zu einer Fabrik
Die
Gründung von Zuckerfabriken lief zumeist nach einem einheitlichen Schema ab.
Großlandwirte sammelten interessierte mittlere und kleinere Landwirte um sich,
um eine Zuckerfabrik zu gründen. So wurde daraufhin Kapital erbracht und noch
wichtiger, ein ausreichendes Rübenanbaugebiet für die gedachte Fabrik
sichergestellt. An jeden Gesellschaftsanteil war die Verpflichtung zum Anbau
einer bestimmten Menge Zuckerrüben gebunden. Damit sicherten sich die
Zuckerfabriken ihre Rübenversorgung. Dominiert wurden die Gesellschaften von
den Großlandwirten. Sie besaßen die größten Anbauflächen und die meisten
Gesellschaftsanteile. In den Leitungsgremien (u. a. Aufsichtsräte) waren
Großlandwirte versammelt (Gutsbesitzer/Pächter), die Direktoren und Manager
hatten in der Regel eine Ausbildung als Chemiker oder Techniker absolviert.
Nach
diesem Modell sind auch die naheliegenden Zuckerfabriken von Döbeln und Oschatz gegründet worden.
Blicken wir zurück:
In verschiedenen Presseveröffentlichungen und in dem seit 1875 herausgegebenen
„Wochenblatt über die deutsche Zuckerindustrie“ war man der Meinung, dass ein
Vierteljahrhundert Zuckerrübenanbau und Verwertung bereits zu Wohlstand führte.
Natürlich hatten das Wissen um Anbau und Verwertung der Zuckerrübe auch unsere
Region erreicht. Diese war durch ihren lößhaltigen Boden sehr fruchtbar und als
"Kornkammer Sachsens" gepriesen. Besonders der Raum
Meißen-Lommatzsch-Ostrau-Mügeln, auch "Lommatzscher Pflege" benannt, machte
durch seine üppig wachsenden Obst- und Gemüsekulturen als auch mit Getreide und
Hackfrüchten auf sich aufmerksam. Wenn also eine bunte Runkel gut gedieh, warum
sollte das nicht bei der neuen Zuckerpflanze der Fall sein. Einer, der sich
dafür kämpferisch aufklärend einsetzte, war der Landtagsabgeordnete Dr. Magnus
Uhlemann aus Schrebitz. Durch seine Aktivitäten war er es, der in unserer
Region den Zuckerrübenanbau einführte und sich als Vorkämpfer sowohl für den
Bau einer Zuckerfabrik als auch für
deren Beförderung durch eine Eisenbahn stark machte. Denn was nützt der
Rübenanbau, wenn kein in der Nähe gelegener Absatz nebst Verwertung besteht.
Uhlemann Sohn, der Ökonomierat Arndt Uhlemann, der von 1889 bis 1930 Pächter
des Mügelner Kammergutes war, führte später das Vermächtnis seines Vaters, u.
a. die Führung des 1855 gegründeten Landwirtschaftvereins, erfolgreich weiter
Doch
die Aktivitäten Uhlemanns und seiner engeren Mitstreiter verlegten sich auf die Döbelner Seite, weil
dort seit 1879 um eine Zuckerfabrik gerungen wurde und durch die
Riesa-Chemnitzer Eisenbahn auch eine Beförderungsanbindung bestand. Um eine
solche Anbindung durch eine schmalspurige Sekundärbahn von Mügeln nach Döbeln
zu erreichen waren alle Kräfte, sowohl durch Petitionen an die Landtagskammer
als auch die Bemühungen des 27köpfigen Gewerbevereins gefragt. Nach langem
Ringen war der 17. Januar 1882 die Geburtsstunde zum Bau der Mügeln-Döbelner
Eisenbahn mit Weiterführung in Richtung Oschatz. Am 21. September des gleichen
Jahres wurde auch die Gründungsurkunde zur Errichtung einer Döbelner
Zuckerfabrik auf Kleinbauchlitzer Flur mit einem Stammkapital von 630.000 Mark
unterschrieben. Am 21. September 1883 begann die Döbelner Zuckerfabrik ihre erste
Kampagne, doch die Anbindung der Schmalspur konnte erst mit Beginn der zweiten
Kampagne 1884 erfolgen. Von Bemühungen, in Oschatz eine Zuckerfabrik errichten
zu wollen, war zu jener Zeit noch keine Rede. Die ersten Anbaujahre mit der
Zuckerrübe verliefen durchaus erfolgreich. Die Aufzuchtsergebnisse entsprachen
den Vorgaben und auch die Fabrik konnte
mit ihren Kampagneergebnissen zufrieden sein. Lediglich die
Wagenbereitstellung, sowohl bei der Groß- als auch bei der Kleinbahn ließ
Wünsche und in der Zuckerfabrik machte
sich eine gewisse Bewegungsenge bemerkbar. Die Bauern kamen mit Ihren Pferde-
oder Ochsengespannen zu den Verladestellen der Eisenbahn, wobei die
Zufahrtsstrecken zwischen Feld, Hof und Verladestelle mitunter mehr als
fünf Kilometer betrugen. So musste der Naundorfer oder Glossener Rübenanbauer seine
Fracht zur Verladung bis Mügeln bringen. Glück hatten die, welche direkt an der
Eisenbahntrasse oder in deren Nähe lagen. Erst mit der Eröffnung der Strecke
Mügeln-Oschatz am 07.01.1885 traten für die Frachtverlader des Oschatzer
Bereiches Verbesserungen ein. Zu den großen Rübenanbaubereichen um Mügeln und
Döbeln gehörte auch das nahe Strehla gelegene Rittergut Görzig. Hier wurde mit
verschiedenen Methoden der Düngung und der Bodenbearbeitung durch Dampfpflüge
versucht, einen höheren Ernteertrag zu erreichen. Mit Elbkähnen wurden die
Rüben nach Brottewitz gebracht. Um 1890 regten sich in der Mügelner und
Oschatzer Region einige Gemüter, um eine weitere Zuckerfabrik errichten zu
wollen. Man brauchte eine solche, weil sich die Anbaubereiche um Vielfaches
erweitert hätten und die Döbelner Zuckerfabrik trotz Bemühungen kaum noch in
der Lage sei, den Verarbeitungsansturm zu bewältigen. Zu den Befürwortern
machten sich auch die Städte Riesa, Leisnig und Dahlen stark. Doch erst 1892/93
nahm man die Vorhaben ernsthafter zur Kenntnis. Namentlich seien dazu der
Ökonomierat Patzschke (Hof), der Rittergutsbesitzer Naumann (Sitten) und
voran der Oschatzer Bürgermeister Härtwig genannt. Von nun an verging kein
Monat, in dem nicht irgendeine
Pressemitteilung, Willenserklärung oder Versammlung betreffs der Errichtung
einer Zuckerfabrik zu vermelden war. Als äußerst vorteilhaft wurde bei dem
Bemühen der bereits vorhandene Bahnanschluss gewertet.
Am
27. Juni 1893 kam es zu einer Ratssitzung, in der der städtische Verein den
Stadtrat aufforderte, sich um die Gründung einer Zuckerfabrik zu bemühen.
Dieser wiederum verkündet als Antwort mit Stolz, die Entscheidung, eine im
Herbst nächsten Jahres zu errichtende Zuckerfabrik in Betrieb zu setzen, sei
bereits getroffen. Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Am 13. August lädt ein
Gründungskomitee in den Gasthof zum Löwen alle an einer Zuckerfabrik
interessierten Landwirte ein. Eine weitere Zusammenkunft fand am 03. September
statt. Noch bevor ein direkt verbindlicher Gesellschaftsvertrag abgeschlossen
wurde, musste sich um die Grundstückslage gekümmert werden, zu deren Auflage
eine Straßen- und Schienenanbindung, sowie eine Wasserquelle von ausschlagender
Bedeutung war. Schließlich wurden erste Parzellen, u. a. vom Pferdehalter
Strehle und Stadtgutbesitzer Röber in der Nähe des „ Roten Hauses“ an der
Bahnhofstraße erworben. Am 21,10.1893 werden erste Beschlüsse zur Erbauung
gefasst. Nachdem von einigen Projektanten und Maschinenfabriken Auskünfte und
Bauvorschläge eingeholt wurden, gab man der Firma „Hallesche Maschinen und
Eisengießerei“ unter Direktor Riedel den Zuschlag. Riedel hatte schon mehrere
Zuckerfabriken errichtet. Der so wichtige Gesellschaftsvertrag (siehe
Bekanntmachung) wird am 16. November 1893 abgeschlossen. Am 12. November 1893 finden erste
Bohrversuche für eigene Wasserbrunnen statt, da man von Seiten des benachbarten
neuen Wasserwerkes Bedenken hat, 1,5 m3 pro Minute liefern zu können. In mit
Kränzen geschmückter Art wird am 08. Dezember 1893 die zum Fabrikbau erste Fuhre
Steine angeliefert. Ganz wichtig auch die Erkenntnis, dass die Errichtung der
Zuckerfabrik auch vielen ortsansässigen Handwerksbetrieben Aufträge brachte und
damit zu Lohn und Brot verhalf. (siehe Beilage)

Die
Zuckerfabrik Döbeln wurde um 1900 als drittgrößte Deutschlands eingestuft.
Heute ist von ihr nichts mehr zu sehen. Foto:
Sammlung Scheffler


Zuckerfabrik Oschatz
Oschatz,
4. September 1893. Gestern nachmittag wurde in einer hier im Löwen
abgehaltenen, zahlreich besuchten Versammlung einer Gesellschaft mit
beschränkter Haftpflicht im Sinne des Gesetzes vom 20. April 1892 unter dem
Namen „Zuckerfabrik Oschatz“ zum Betriebe der Zuckerfabrikation in Oschatz mit
einem Grundkapitale von 720,000 Mark, das durch die Gesellschaftsversammlung
auf 999,000 Mark erhöhte werden kann, errichtet. – Von dem Grundkapitale werden
von 110 Gesellschaftern 669,000 Mark mit der Verpflichtung 1115 Acker Rüben zu
bauen gezeichnet. Die Statuten, welche vom Gründungskomitee vorbereitet waren,
fanden allseitig Genehmigung, allein nachträglich wurden einige Abänderungen
als zweckmäßig bezeichnet, die einer demnächst zu veranstaltenden
Generalversammlung zu unterbreiten sind, insbesondere soll der Aufsichtsrat
nicht aus 5, sondern aus sieben Gesellschaftern bestehen, und sodann soll der Mindestbetrag einer
Stammeinlage von 3000 Mark auf 1500 Mark ermäßigt werden, um so insbesondere
auch den Besitzern kleinerer Güter den Zutritt noch weiter zu erleichtern. –
Mit jeder Einlage von 1500 Mark ist die Verpflichtung zum Bau von 2½ Acker
(1,4 ha) Rüben verbunden. Bis zum 17. d. M. nimmt Herr Notar Rechtsanwalt
Schmorl sen. in Oschatz Beitrittserklärungen entgegen, und steht zu erwarten,
daß die am Grundkapital noch fehlende Summe von 51,000 Mark mit 85 Acker Rüben
bis dahin vollständig erreicht wird. – Das ganze Resultat der gestrigen
Verhandlung ist mit um so größerer Genugtuung zu begrüßen, als von anderer
Seite die lebhaftesten Anstrengungen gemacht werden, so wie man es bereits
früher an anderen Orten mehrfach mit Erfolg zu Wege gebracht hat, auch das
Oschatzer Unternehmen zu vereiteln, doch die Mehrzahl der Interessenten ließ
sich von den auswärtigen Agenten, die ihr Werbezelt in demselben Gasthof
aufgeschlagen hatten, nicht fangen; ihr Verfahren, dass ein besonderes
Vertrauen nicht zu erwecken vermocht, war nicht deutsch, insbesondere nicht
sächsisch, und erfuhr von allen Seiten die gebührende Beurteilung.
Als
Vorstand der neuen Gesellschaft wählte die Versammlung die Herren Oekonomierath
Pazschke = Hof, Rittergutsbesitzer Naumann =Sitten, Rittergutspachter
Helbig = Börln, Freigutsbesitzer Matthes = Gaunitz und Gutsbesitzer
Lorenz = Kleinragwitz. – Der Aufsichtsrat besteht aus den Herren von Oppel aus
Zöschau, Rittergutsbesitzer Gadegast = Oschatz, Rittergutsbesitzer
Rudolf = Promnitz, Rittergutspachter Grunow = Großböhla, Gutsbesitzer Hennig = Binnewitz,
Nitzsche = Zschannewitz und Poiz = Ganzig. Man
darf erwarten, dass noch im Laufe des Winters mit den Bauarbeiten für die
Fabrik begonnen werden wird, so dass der Fabrikbetrieb im September 1894
eröffnet werden kann."
Aufbau und Betrieb der ersten Jahre
Der
Fabrikaufbau verlief bis auf einige winterbedingte Unterbrechungen nahezu
reibungslos. Das auf dem Areal arbeitende Personal bekam als gewissen Anreiz
eine sog. Bauschänke (Versorgungsbude) zugewiesen. Im April erfolgte ein mehrtägiges
Bohren für weitere Wasserbrunnen, deren Funktion aber erst ab dem 16.10.1894
gegeben war. Am 21.08.1894 kam es mit den Staatseisenbahnen zum
Vertragsabschluß über das Betreiben eines gemischtspurigen Schieneneinrichtung,
wobei ein Drittel der Kosten der Zuckerfabrik oblagen. Zu den meist aus
Ziegelsteinen geschaffenen Großbauten gehörten das direkte Fabrikgebäude nebst
seinem 68 Meter hohen Schornstein, die Direktionsvilla, ein Beamtenwohnhaus und ein Laboratorium. Im großen Fabrikgebäude waren die Diffusionseinrichtungen
(Saftbehältnisse), das Kesselhaus und ein Zuckeraufbewahrungsplatz (später Boden) untergebracht. Am 11.10.1894 begann die Zuckerfabrik mit ihrer ersten
Kampagne. Direktor der Fabrik war Dr. Paul Wagner. Sein Vertreter war der Buchhalter H. Reinike. Vorstand der Gesellschaft
war der Ökonomierat Franz Patzschke.


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1927
in der Oschatzer Zuckerfabrik, ein gelungener Gemäldeabriss Sammlung
Korn
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Das
Werben um den Zuckerrübenanbau war vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten von
Seiten der Zuckerfabrik als geschäftsfördernd angesehen
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Die beiden ersten Kampagnen der Jahre 1894/95 und 1895/96
Die
erste begann etwas verspätet am 11.Oktober 1894 und endete am 06.Februar 1895.
Während dieser Zeit gelangten in 214 Arbeitsschichten zu je 12 Stunden 796.020
Zentner Rüben zur Verarbeitung. Im Geschäftsbericht war vermerkt: „Wir hätten
einen größeren täglichen Durchschnitt erreicht, wenn wir in den ersten fünf Wochen
nicht zu sehr unter den vielen Betriebsstörungen zu leiden gehabt hätten.“ Als
Ursache wurden die neuen Anlagen mit dem Erfahrungsmangel des Personals
gesehen.
Die
Rüben hatten einen Zuckergehalt von 12,6%. Für einen Zentner Rohzucker wurden
also 8,61 Zentner Rüben gebraucht. Als zu klein erwies sich die
innerbetriebliche Gleisanlage, des weiteren wäre der Bau eines
Zuckerlagerhauses nötig. Erstaunlich war die Anzahl der Bahn- und
Straßenbeförderungen. So wurden täglich 43 Großbahn-, 29 Kleinbahnwagen und auf
der Straße 74 Landfuhrwerke entladen. Interessant ist der Vermerk: “Man möge
die Rüben nach Möglichkeit im Interesse der Fabrik und auch, um die Bahn zu
entlasten, mit dem Geschirr anliefern.“
Die
zweite Kampagne wurde am 01.Oktober begonnen und bereits am 05. Dezember
beendet. In 120 Schichten waren das nur 497 150 Zentner Rüben. Dafür war der
Zuckergehalt mit 15,1 % gegenüber dem Vorjahr wesentlich höher. Vermerkt wurde,
dass sich die Verarbeitungen ungünstiger gegenüber dem Vorjahr erwiesen. Eine
Erweiterung der Gleisanlage ergab täglich die Behandlung von 46 Haupt- und 34
Schmalspurwagen. Von der Straße konnten 83 Landgeschirre abgefertigt werden.
Bemängelt wurde die Unpünktlichkeit bei den Rübenzugängen.
In
beiden Geschäftsberichten zeichnen als Vorstand Franz Patzschke und als
Aufsichtsrat F. A. Rudolph verantwortlich.
Geschäftsberichtsauszug
1897 Quelle:
Südzuckerarchiv Obrigheim
Die strukturelle Betriebsaufteilung des Zeitraumes 1894 –
1946
Gegenüber
späteren Strukturformen erwiesen sich die der ersten rund 50 Jahre als weitaus
einfacher und übersichtlicher. Vor allem auch deshalb, weil sie vorwiegend
wirtschaftsbezogen und weniger politischen Einmischungen erlegen war. Das heißt
aber nicht, dass man keine Schwierigkeiten zu meistern hatte. Vor allem auf das
„Wohl und Wehe“ der Fabrikangestellten wurde wenig Rücksicht genommen. Auch
wirkten sich zwei Weltkriege und damit verbunden personelle und
wirtschaftsbezogene Mängel auf einen ideal vorgesehenen Betriebsablauf aus.
Die
am 16. Nov. 1893 durch einen Gesellschaftsvertrag gegründete Zuckerfabrik
Oschatz ist eine GmbH und wurde von zwei Geschäftsführern als Vorstand
geleitet. Anfangs waren das der Ökonomierat Franz Pazschke und der
Rittergutsbesitzer Emil Naumann. Von 1906 an wirkten in diesen Funktionen der
Pächter Guido Helbig und der Rittergutsherr Otto Gadegast. Ihnen stand alsbald
ein mehrköpfiger Aufsichtsrat zur Seite. Die Fabrik wurde durch den Direktor
Dr. Paul Wagner geleitet. Ein Buchhalter, ein Chemiker, ein Maschinen- Siede-
und Waagemeister war den
Funktionsabteilungen des Betriebes vorstellig. 1911 übernahm der Prokurist Carl
Thiel den Direktorenstuhl. Während das Direktorium in seinem Direktorenhaus untergebracht
war, waren die anderen Fabrikbeamten in ihren Abteilungsbereichen zu finden.
Die Fabrikstrukturen zeichneten sich durch eine äußerstpersonelle Sparsamkeit aus. Die
Stammbelegschaft betrug über mehrere Jahrzehnte nur 32 bis 35 Mannen, wovon die
Hälfte im durchgehenden Schichtdienst arbeitete. Außer der Verwaltung, dem
Labor und dem Maschinenpersonal, wirkten einzelne Handwerker, Pförtner und
Reparaturexperten, die z. T. von auswärts angefordert werden mussten. 1931 kam
es zur Gründung einer „Wirtschaftlichen Vereinigung der Deutschen
Zuckerindustrie“, wodurch deren Bedeutung einen höheren Stellenwert erreichen
sollte. Damit verbunden wurde eine vorgegebene Kontingentierung auf künftig 101
436 Zentner. Jetzt musste der Betrieb mehr als 200 Personen verkraften, wodurch
ein höherer organisatorischer Aufwand nötig war und das Zusammenwirken mit den
Leiharbeitern andere Arbeitsregeln erforderte. Erst nach Jahren, als sich ein
gewisser Kampagne-Stamm an Arbeitern etablierte, konnte der Arbeitsablauf zur Zufriedenheit
abgeschlossen werden. Von 1941 bis zur Auflösung der bisherigen Betriebstruktur
(19. Juni 1946) war Hermann Däverits Vorstand der Zuckerfabrik. Er wurde durch
Verfügungen der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) abgesetzt.
Personelle Aufteilung in Auszügen:
| 1922: |
Direktor: Wofram / Buchhalter: Reinicke / Fabrikaufseher: Brandt
/ Siedemeister: Röder / Fabrikschlosser: Heller / Gärtner; Haase. |
| 1927: |
Direktor: Thiel / Prokurist: Reinicke / Hofmeister: Felgentreff /
Siedemeister: Röder / Fabrikschlosser: Heller / Gärtner: Klingner |
| 1931: |
Direktor: Florius Ledig / Siedemeister: Paul Bauer / Maschinenmeister: August
Heller / Wehrmeister: Joseph Gerstl / Zuckerkocher: Johannes Schröder / Gärtner: Max
Klingner |
| 1937: |
Direktor: Florius Ledig / Maschinenmeister: August Heller / Gärtner: Max Klingner
/ Siedemeister: August Gerstle / Zuckerkocher: Johannes Schrötter / Fabrikaufseher: Gerhard Queißer / Kaufmann: Martin Otto / Gärtner:
Ernst Richter |
Kampagne-Geschichte(n)
Da wäre zunächst die Frage zu
klären, was man unter einer Kampagne versteht. Nun, im Lexikon steht: eine
zeitlich begrenzte Aktion.
Wir kennen solche Aktionen in der Politik durch die Wahlkampagne oder in der Arbeitswelt durch Stoßarbeiten
in Saisonbereichen. Die bekannteste Kampagne ist jedoch mit der Ernte, dem Transport und der Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und hier vorrangig mit der
Zuckerrübe verbunden. Die
Kampagne der Zuckerfabrik fängt mit dem Beginn der Ernte dieser Hackfrucht an, welche
jedoch durch Klima, Bodenbeschaffenheit und regionalen Bedingungen gewissen
Zeitschwankungen unterliegt. Im allgemeinen ist das Ende September der Fall und
endet, je nach Menge des geernteten Produktes und deren Verarbeitungsstrategie
im Dezember oder im Januar des folgenden Jahres. Um eine Kampagne reibungslos
durchführen zu können, bedarf es einer Anzahl organisatorischer Maßnahmen, die
weitgehend von der Zuckerfabrik aus getroffen werden. Da wäre zunächst in einer
Vorbereitungsphase dafür zu sorgen, dass alle maschinellen Einrichtungen
funktionieren und dass der zu verarbeitende Rohstoff „Rübe“ in genügender Menge
vorhanden ist. Ein ganz wesentlicher Arbeitsfaktor war jedoch die
Bereitstellung von Kampagnepersonal, denn die Fabrik braucht außer ihrem
Personalstamm bis zu 4 oder gar 5mal so viel Saisonkräfte. Zu 80% kommen die aus
der Landwirtschaft bzw. aus landwirtschaftlichen Betrieben. Das waren einst
Rittergüter, später LPG und Maschinenstationen. Die Personen konnten sich
freiwillig bewerben, meist jedoch wurden sie angefordert, wozu ein
speziell-organisatorischer Aufwand bis hin zu parteieingreifenden Maßnahmen
nötig war. In Kriegs- und Krisenzeiten wurden auch Häftlinge, Kriegsgefangene
und russische Besatzungssoldaten zum Kampagneeinsatz beordert. So mussten z. B.
1916 wegen Mangels an „Geübten Leuten“ 65 Kriegsgefangene in der Fabrik
eingestellt werden. Auch 1942/43 waren bis zu 94 russische Gefangene in der
Fabrik, ohne deren Hilfe eine Kampagnedurchführung nicht möglich gewesen wäre.
Nach 1945 waren es, wenn auch auf Tageseinsätze oder andere zeitlich begrenzte
Aktionen bezogen, russische Besatzungsmächte, welche hier und da und das sogar
mit einer gewissen Begeisterung, aushalfen. Ganz auffällig war, dass in
Ermangelung des männlichen Personals ab 1940 ein Großteil Frauen einbezogen
wurde, deren Einsatz auch zu DDR-Zeiten erhalten blieb. Das saisonbezogene
Kampagnepersonal wurde an erster Stelle mit Tätigkeiten des Massegutes „Rübe“
beschäftigt. Dazu gehörte das Entladen und Reinigen der Rüben, der Transport
des fertigen Produktes innerhalb des Betriebes einschließlich der Nass- und
Trockenschnitzel. Auch das Entladen von Kohle, Kalk und Baustoffen aus den
Eisenbahnwagen, sowie alle anfallenden Reinigungs- und Rückständetätigkeiten
oblagen den Saisonkräften. Je nach deren beruflichen Fähigkeiten wurde ein Teil
von ihnen auch als Gehilfe des Stammpersonales auserkoren. So konnten solche
sich als Heizer, Schlosser und Kraftfahrer beteiligen. Die zu verrichtenden
Tätigkeiten waren bis in die ersten 1930er Jahre mit körperlich schwerer Arbeit
verbunden. Trotz der zunehmend durch einige Modernisierungen erfolgten
Arbeitserleichterungen blieben Staub, Schlamm und Nässe, durch Kalk und
Diffusion giftige Bereiche, kein Zuckerschlecken. Schaufel, Gabel und
Gummistiefel und bei den Frauen das Kopftuch waren bis in die letzten
Betriebsjahre hinein gang und gebe. Auch die sozialen Einrichtungen waren
mitunter katastrophal. Eine kleine Brausebadzelle und ein Essraum mit wackligen
Holzbänken waren die einzigen Einrichtungen. Arbeitsschutz oder
Wetterschutzbekleidung gab es nicht, Unfälle wurden im Labor behandelt. Erst in
den 1950er Jahren entstanden sanitär-hygienische Einrichtungen, gab es
Umkleideräume, eine Betriebsküche mit Speiseraum. Unter den Saisonkräften gab
es sowohl früher als auch in den späteren Betriebsjahren einen Großteil, die
seit Jahren zur Kampagne abgestellt waren und schnell mit Ihren Tätigkeiten
zurechtkamen. Ein anderer Teil war der stete Neuling, mit dem nicht alle auf
Anhieb zurechtkamen oder zurechtkommen wollten.

Während
die einen diszipliniert und aufopferungsvoll auf ihrem Posten standen und auch
das außerbetriebliche Leben mit ihren Kampagnegenossen nicht außer acht ließen,
gab es mit den lustlosen oft scheinkranken oder zu Alkohol neigenden Saisonern
betrieblichen Ärger.
Wie
bereits an anderer Stelle erwähnt, fielen die Kampagneergebnisse
unterschiedlich aus. So gab es witterungsbedingt schlechte Ernten mit kürzeren
Arbeitszeiten und somit Verlustergebnissen. Andererseits das Gegenteil mit
üppigen Ernten und einer totalen Rübenschwemme, wo der Betrieb länger und
anspruchsvoller arbeiten musste, deren Durchführung sich dafür gewinnträchtiger
ausnahm. Während in Dürrejahren mit Insektenplagen (u.a. 1899, 1905, 1922)
Rübenmangel zu nur mäßigen Ergebnissen führte, konnte eine gebrochene
Kurbelwelle oder ein Schwungrad nebst schadhaftem Kurbelzapfen, so 1899 und
1903, gleich einmal zum Arbeitsstillstand führen. Auch wegen Kohle- und
Arbeitskräftemangel musste u.a. 1915/16 zeitweise einschichtig gearbeitet
werden. 1937 war mit 556.000 Doppelzentnern die bisher größte Rübenmasse
verarbeitet worden, die je der Zuckerfabrik zur Verfügung stand. Nach dem
zweiten Weltkrieg gehörten die 1950er Jahre nochmals zu denen, wo die Kampagne
mit Erfolg Furore machen konnte. Dazu verhalfen auch verbesserte
Arbeitsmöglichkeiten mit darauffolgenden Modernisierungen. Erst eine gegen Ende
der 1960er Jahre verordnete Verringerung der Anbaufläche der Rübe war der Anfang
eines Abbauprozesses, von dem sich die Zuckerfabrik, die mit einer
Tagesverarbeitung von 680 Tonnen inzwischen zu den kleinsten ihrer Art gehörte,
nicht mehr erholte. Vor allem auch deshalb, weil sie keinen Fertig-, sondern
Rohzucker hat herstellen können. Eine letzte Kampagne der bisherigen Art war
1985 durchgeführt worden. Genaueres dazu ist in späteren Kapiteln zu erfahren.
| Jahrgang
| Kampagnedauer |
vom Acker |
Zuckergeh. |
Besonderheiten |
| 1894/95 |
11.10. – 06.02. |
2074 |
12,6 % |
Schwieriger Anfang |
| 1900 |
04.10. – 16.12. |
2173 |
14,3 % |
Wassermangel/Schmutz |
| 1907 |
03.10. – 03.12. |
1762 |
14,6 % |
Gute Durchführung |
| 1917/18 |
12.10. – 22.01. |
1735 |
14,5 % |
Rübenmangel |
| 1922 |
12.10. – 22.12. |
1980 |
15,9 % |
Rübenmangel |
| 1927 |
22.10. – 15.12. |
2095 |
16,9 % |
Insektenplage |
| 1932 |
10.10. – 02.12. |
2032 |
17,5 % |
Gute Durchführung |
| 1938/39 |
03.10. – 07.01. |
? |
16,4 % |
Z.T. unbefriedigend |
| 1943/44 |
01.10. – 04.01. |
2350 |
18,6 % |
Kriegsbedingt gut |
| 1947/48 |
14.10. – 21.01. |
2707 |
16,4 % |
Unbefriedigend |
Die
Oschatzer Zuckerfabrik gehörte zu den Herstellern, die von Anfang an nur
Rohzucker herstellte. Das bedeutete, dass der aus hellgelben gewonnene Zucker
an anderer Stelle zu weißem Haushaltszucker, zu Raffinade oder Würfelzucker
weiterverarbeitet, besser veredelt, werden musste.
Während
ein Großteil der Zuckerfabriken sich im Laufe ihres Bestehens dieses Mankos
selbst entledigten, gehörte die Oschatzer Zuckerfabrik bis zuletzt zu den
wenigen, deren Endprodukt für eine Verwertung nicht ausgereift war. Der
Rohzucker wurde mit der Eisenbahn in die Zuckerfabriken von Dehlitzsch und
Brottewitz, zeitweise auch in die Raffinerie Rositz gebracht, um dort zum
Endprodukt weiterverarbeitet zu werden. Ein zusätzlicher Aufwand, der sich vor
allem in den letzten Betriebsjahren bemerkbar machte.
Rübe – Saft – Zucker!
Der Rohzuckerherstellungsverlauf während der 1960er Jahre
Von der Pflanze zum Produkt
Zu den Besonderheiten bei der Rübenverarbeitung gehörten u. a.:
Das Feststellen der Schmutzprozente Dazu hatten sich die angelieferten Rüben einer „Prozentwäsche“ zu unterziehen. Je nach
Erntebedingungen war der Anteil an anhaftender Erde, jedoch auch Unkraut, Blattwerk
und Steinen gegeben. Nach dem Waschen ermittelte man die Differenz
zwischen der verschmutzten und der gereinigten Rübe, den sogenannten
Schmutzprozentsatz. Dieser war mitunter enorm und konnte bis 50% betragen. Beim
Reinigen der Rübe führte man alsbald einen Steinefänger ein, eine
rotierende Siebtrommel, denn ohne diese Einrichtung hätte der Arbeitsablauf zu
ernsthaften Störungen führen können.
Die Einführung des Steffenschen Brühverfahrens: Das Verfahren des Wieners Karl Steffen
sollte bereits 1902 eingeführt werden, konnte jedoch erst nach einigen Veränderungen
1904 angewandt werden. Von den bis zu 18% Zuckergehalt der Rübe wurden
von nun an 3% in den ausgelaugten Schnitzeln belassen, wodurch das Abfallprodukt eine größere Wertigkeit bekam. Die nassen oder
getrockneten Schnitzel waren ein wertvolles Schweinefutter, wurden aber auch in
Zoogärten oder Zuchtstationen verwendet.
Die Rübe und das Wasser... Das ist eine ganz eigene Geschichte. Schon beim Bau der
Zuckerfabrik musste der Wasserversorgung höchste Aufmerksamkeit geschenkt
werden. Weil die zu jener Zeit vorhandenen Wasserwerke nicht in der Lage waren,
den Zuckerfabriken die benötigte Menge an Wasser zu liefern, ohne ihre
Grundwasserversorgung zu gefährden, mussten andere, möglichst eigene Quellen
herangezogen werden. Da jedoch mehr auf Wassermenge als auf deren Güte Wert
gelegt wurde, erwies sich nach bisherigen Erfahrungen anderer Zuckerfabriken,
deren Lage an einen natürlichen Wasserlauf als ideal. Einem solchen konnte
unbegrenzt Wasser entnommen werden und solches als Abfallprodukt wieder
zugeführt werden. Dafür kam in Oschatz nur der Döllnitzlauf in Frage. Große
Gebrauchtwassermengen wurden vor allem beim Abspritzen der Rüben aus Fahrzeugen
benötigt, welches durch hohen Druck von bis zu 2,5 atü aus einer Art
Wasserkanone geschah und während der Arbeit der Rübenwaschmaschine, einem Trog
von 2 m Durchmesser und 6m Länge. Geringere Mengen, dafür in einer besseren
Qualität, benötigte das Kesselhaus, welches Dampf zur Erzeugung und zum Betrieb
zahlreicher Arbeitsmaschinen und Pumpeinrichtungen, sowie zu Koch- und
Reinigungszwecken zu liefern hatte. Dieses wurde aus der eigenen Brunnenanlage
entnommen. Ein Großteil dieses Wassers wurde nach seiner ersten
Nutzungsfunktion erneut aufbereitet und im fortwährenden Kreislauf weiter
verwendet. Es sei noch erwähnt, dass es in den Anfangsjahren der
Wasserversorgung im Werk einen Hochbehälter gab, in den das Brunnenwasser
gepumpt und von dort durch den Falldruck in bestimmte Zuführleitungen gelangte.
In der folgenden Beschreibung soll noch etwas gezielter auf den Lauf des
Wassers eingegangen werden.
Das
Wasser fließt, nachdem es im Wäscheraum von den Rüben getrennt wurde, vermischt
mit dem beim Schwemmen der Rüben erdigen Bestandteilen in einen unterirdischen
Kanal nach einem System von neun gemauerten Absatzbassins, in welchem dem von
Bassin zu Bassin fließendem Wasser Gelegenheit gegeben wird, die erdigen und
schlammigen Bestandteile abzusetzen. Das so gereinigte Schwemmwasser wird von
einer Pumpe gehoben und von derselben den Schwemmringen in einer Art Kreislauf
wieder zugeführt.
Das
aus der Diffusionsbatterie und von den Schnitzelpressen ablaufende Wasser,
welches nur durch Teile frischer Rübenschnitzel verunreinigt ist, wird durch
geeignete Vorrichtungen von diesen Schnitzelteilen befreit und sodann dem
großen Absatzbassin zugeführt. Ein Teil dieses Wassers wird bei Nichtgebrauch
durch einen Abflussgraben in die Döllnitz geleitet. Meist jedoch wurde es
erneut zum Abspritzen der Rüben genutzt. In die Döllnitz fließen des weiteren
Spül- und Reinigungswasser aus der Fabrik, sowie das beim Betrieb
überschüssige, in den Absetzbassins gereinigte bzw. vom Gradierwerk abgekühlte
Wasser.
Die
von den Wassereinigungsbassins in das große Schlammbassin – besser Teich –
geleiteten und von Hand oder später auch durch Bagger gehobenen schlammigen
Abfälle wurden hier bis zum Sommer im Teich belassen, dessen obere Nassschicht
einsickerte oder bei größeren Wärmetemperaturen austrocknete. Im Frühherbst
wurde der Teich beräumt, anfangs in manueller Arbeit, später mit Bagger und
Förderband. Das geruchsintensive Abfallprodukt war in der Landwirtschaft
äußerst begehrte, denn der aus Erde, Rübenspitzen, Blattwerk und säurehaltigen
Wassern bestehende Schlamm erwies sich als ausgezeichneter Dung. Eine ganz
wesentliche Voraussetzung für den Beginn einer neuen Kampagne war die exakte
Beräumung des Schlammteiches, die nicht immer problemlos vor sich ging.
Im Frühjahr spiegelte sich die Zuckerfabrik im großen Schlammteich, ehe er
eintrocknete. Foto: G. Hunger (LVZ)
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