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Herausgeber: Collm Klinik Oschatz gGmbH Erstveröffentlichung
2005 bei Druckerei Wagner, Verlag und Werbung GmbH Großschirma
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Vorwort
Das Oschatzer Krankenhaus wurde
nach 2-jähriger Bauzeit am 10. September 1895 eröffnet und begeht in diesem
Jahr seinen 110. Geburtstag. Dieses Jubiläum war uns Anlass, seine wechselvolle
Geschichte zu verfolgen und in Wort und Bild festzuhalten. Das Studium der
städtischen Krankenhausakten, die Konsultation von Nachfahren ehemaliger
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Gespräche mit Zeitzeugen versetzten uns in
die Lage, manche Daten zu korrigieren und das Bild von der historischen
Entwicklung unseres Krankenhauses weiter abzurunden. Mit der Geschichte des
Krankenhauses wird nicht nur die Entwicklung der stationären medizinischen
Betreuung über die Jahrhunderte dargestellt, sondern auch ein Teil der Oschatzer
Stadtgeschichte reflektiert.
Blicken wir zurück: Vermutlich
seit 1300 gab es das „Hospital zu St. Georg“ und seit 1354 das „Hospital zum fernen Siechen“.
1394 wurde das „Hospital zu St. Elisabeth“ für die Armen gestiftet und im
Stadtgut „Rotes Vorwerk“ richtete der Stadtrat die ersten, einem Krankenhaus
entsprechenden Räume, die als solche bis 1895 unterhalten wurden, ein.
Der Neubau des Stadtkrankenhauses
am Stadtpark 1895 war die Geburtsstunde unseres heutigen Krankenhauses. Der
Anbau des Südflügels zwischen 1938 und 1939 und der damit verbundene
Bettenzuwachs führten zur Nutzung des Krankenhauses als Lazarett von 1939 bis
1947 für die Deutsche Wehrmacht und die Rote Armee. Zahlreiche Um- und Anbauten
am Krankenhaus, die Schaffung einer Poliklinik in der Burgstraße 1948, der
Wechsel des Stadtkrankenhauses in die Verantwortung des Rates des Kreises
Oschatz 1951 und der Neubau der Gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung 1980
prägten die Entwicklung nach der Gründung der DDR.
Die gesellschaftlichen
Veränderungen in Deutschland im Jahre 1989 führten zu einer grundlegenden
Neustrukturierung des Oschatzer Krankenhausstandortes. Mit dem 1998
fertiggestellten „Teilersatzbau“ und der 2002 abgeschlossenen Rekonstruktion
des alten Krankenhauses wurde ein den heutigen Anforderungen entsprechender
komplexer Standort für eine zeitgemäße gesundheitliche Betreuung geschaffen.
Es ist unser Anliegen, die unter
schwierigen Bedingungen geleistete Arbeit unserer Vorfahren am Stadtkrankenhaus
und Kreiskrankenhaus Oschatz zu ehren und die Leistungen der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter der Collm Klinik Oschatz zu würdigen. Der ständige Ausbau des
Krankenhauses hat es erfordert, dass zunehmend sehr unterschiedliche
Berufsgruppen und Fachgebiete zusammen arbeiteten mussten. Ohne diese
konstruktive Zusammenarbeit und das persönliche Engagement des Einzelnen zum
Wohle der Kranken könnten wir heute nicht auf eine erfolgreiche Entwicklung
unseres Krankenhauses zurückblicken. Möge es uns auch in Zukunft gelingen, das
Vertrauen unserer Patientinnen und Patienten jederzeit zu rechtfertigen.
Bei der Erarbeitung des
vorliegenden Buches wurden wir von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
Collm Klinik unterstützt. Frau Cornelia Höschel, Stadtarchivarin des Oschatzer
Stadtarchivs und Frau Dana Bach, Museumsleiterin des Stadt- und Waagenmuseum
Oschatz halfen uns bei den notwendigen Nachforschungen. Ihnen allen gilt unser
besonderer Dank.
Für die sehr gute Zusammenarbeit
und die gelungene Ausstattung des Buches danken wir der Druckerei Wagner GmbH
in Großschirma.
Oschatz, im September 2005
Manfred Schollmeyer, Ellen Strauch
Vom Georgen-Hospital zur Collm Klinik Oschatz Die Anfänge des Krankenhauswesens in Oschatz
Die Vorläufer der heutigen
Krankenhäuser waren Hospitäler, die im 4. Jahrhundert zuerst in Kleinasien
entstanden. Darunter waren Herbergen, Pflegehäuser und Versorgungshäuser für
Alte, Kranke, Sieche, Obdachlose und Reisende zu verstehen. Viele Hospitäler
widmeten sich den infektiös Erkrankten und so entwickelten sich besondere
Lepra- und Pesthäuser. In unserer Region ist überliefert, dass die heutige
Waldgaststätte „Hospitalhütte“ in der Dahlener Heide den Pestkranken der Stadt
Dahlen und seiner Umgebung als Unterkunft gedient haben soll.
Folgt man den Aufzeichnungen des
Oschatzer Stadtchronisten Carl Samuel Hoffmann, so wurden in der Stadt Oschatz
das „Altoschatzer-Viertel“, „Brüder-Viertel“, „Hospital-Viertel“, und
„Strehlaische-Viertel“ sowie die ebenso benannten Vorstädte unterschieden. Im
„Brüder-Viertel“, in der „Hospitalvorstadt“ und „Brüdervorstadt“ sowie weit
außerhalb der Stadt, wurden durch den Stadtrat und private Personen Hospitäler
und Lazarette gestiftet und eingerichtet. An dieser Stelle sei schon bemerkt,
dass die Bezeichnungen Hospital1, Spital2 und Lazarett3
früher synonym verwandt wurden, weil sie die gleichen inhaltlichen Bedeutungen
hatten; heute verstehen wir unter einem Lazarett nur ein von Militärangehörigen
genutztes Krankenhaus.
 Oschatzer Stadtansicht
mit dem Georgen-Hospital von Wilhelm Dillich 1628
Nach dem ältesten „Hospital zu
St. Georg“, von dem später noch die Rede sein wird, stiftete der Rat der Stadt
Oschatz, urkundlich belegt, im Jahre 1354 das „Hospital zum fernen Siechen“. Hier
wurden nur Sieche untergebracht, die von ansteckenden Krankheiten, wie
Blattern, Aussatz oder Venusseuche4 befallen waren. Man nannte diese
Kranken auch Sondersieche, weil sie außerhalb von der Stadt abgesondert wurden.
Das Hospital soll weit vor dem Brüdertor, an der Straße nach Leipzig, gelegen
haben. Nach dem 7-jährigen Krieg (1756 bis1763) haben die Truppen Napoleons
1813 (Napoleonische Kriege 1803 bis 1815) die Kapelle des Hospitals zerstört.
Offensichtlich war das Hospital in einem schlechten baulichen Zustand, denn man
plante im Jahre 1816 den Neubau eines „Hospitals zum fernen Siechen“, der aber
nicht ausgeführt wurde. Die vorliegenden Baupläne sind aber insofern
interessant, als aus ihnen der vielseitige Charakter dieser Hospitäler, nämlich
die Versorgung von Armen und Kranken, eindeutig hervor geht.
 Zeichnung, Hospital zum fernen Siechen, Repro: Dr. Schollmeyer
Der Prediger Nikolaus Homut
richtete in dem 1394 von ihm käuflich erworbenen Gebäude, welches mit seinem
Standort dem heutigen Archidiakonat, an der Ecke Brüderstraße gegenüber der
Klosterkirche entsprach, das „Hospital zu St. Elisabeth“ ein und stellte es den
Armen der Stadt Oschatz zur Verfügung. Nach der Reformation 1539 diente das
Haus dann dem Diakon als Wohnung.
 Hospital zu St. Elisabeth im Archidiakonat
Die größte Bedeutung für die
weitere Entwicklung des städtischen Krankenhauswesens haben das „Hospital zu
St. Georg“ sowie das „Lazarett“, beide in der Hospitalvorstadt gelegen.
Erstmalig wurde 1356 und 1468 das „Hospital zu St. Georg“ in bischöflichen
Urkunden genannt. Da aber im ältesten Stadtbuch im Jahr 1300 das „Spitaltor“
erwähnt wurde, darf man davon ausgehen, dass das „Hospital zu St. Georg“ schon
in dieser Zeit bestanden hat. Es hat gegenüber der Friedhofskirche St. Georg
gestanden und konnte bis zu 8 Personen aufnehmen. Um den einfallenden Hussiten
den Zugang zur Stadt zu verwehren, wurde das Haus 1429 von der militärischen
Besatzung der Stadt abgebrochen, aber schon 1474 wieder aufgebaut und auch
genutzt. Im Jahre 1529 musste das Gebäude wegen zunehmender Inanspruchnahme mit
einem Anbau erweitert werden, sodass nun bis zu 18 Arme und Sieche dort Platz
finden konnten. Leider war dem Hospital keine Zukunft beschieden. Zunehmender
Verfall und Platzmangel veranlassten den Stadtrat 1581 die Insassen in das nach
der Reformation leer stehende Franziskanerkloster, welches sich im
Brüderviertel befand, zu verlegen. Das „Hospital zu St. Georg“ wurde bei dem
Stadtbrand 1616 vernichtet und nicht wieder aufgebaut.
Im Franziskanerkloster, man
nannte es auch „Kloster-Hospital“, „Frauen-Hospital“ oder „Hospital für alte
Frauen“, kümmerten sich der Klostervater und die Klostermutter um die Kranken
und Bedürftigen. Nach den Schilderungen des Oschatzer Stadtchronisten Hoffmann
hatten die Insassen hier ein auskömmliches Zuhause. Leider führte der
fortschreitende Verfall der Gebäude und Verkauf des Geländes Mitte des 19.
Jahrhunderts zum Abriss weiter Teile des Klosters. Von der gesamten Anlage
existiert heute nur noch die Klosterkirche. Die Insassen des „Hospitals für
alte Frauen“ wurden 1838 in das Rote Vorwerk verlegt.
Das vom Stadtrat 1614 auf dem
Grundstück eines ehemaligen Vorwerks ebenfalls in der Hospitalvorstadt erbaute
„Lazarett“, diente in Zeiten großer Epidemien als Siechhaus den Sterbenden,
aber auch den Obdachlosen, kranken Handwerksgesellen und Dienstboten als
Bleibe. Das Gebäude fiel aber schon zwei Jahre später dem Stadtbrand 1616 zum
Opfer und wurde erst 1741 wieder aufgebaut. Es handelt sich bei diesem Gebäude
offensichtlich um das in den Krankenhausakten des Stadtarchivs 1741
dokumentierte „Siech- und Krankenhaus bei der Stadt Oschatz“. Dieses Siech- und
Krankenhaus findet sich auf Flur- und Stadtplänen aus dem 18. und 19.
Jahrhundert außerhalb der Hospitalvorstadt als „Lazarett“ gegenüber der
Gänsegrube. Der Oschatzer Stadtchronist Hoffman beschreibt das „Lazarett“ 1815
ebenfalls gegenüber der Gänsegrube, vermerkt seine Nutzung für die in Oschatz
befindliche Garnision und schildert es im Zusammenhang mit seiner Beschreibung
der ehemaligen Weinberge, die einst dem Georgen-Hospital gehörten:
„Diese
Weinberge lagen hinter einander und zwar auf der rechten Seite des Fußsteiges,
der nach Naundorf führt; sie nahmen ihren Anfang hinter dem jetzigen Lazarett
und endigten sich mit Wolkes Weinberghause...“
In der „Neuen Sächsischen
Kirchengalerie“ von 1901 findet sich die Lithographie „Das Spital in Oschatz um
1830“. Die Lage des Gebäudes vor einer Scheune (Eichstädt Promenade, d. Verf.)
und die weit im Hintergrund gelegenen Friedhofskirche St. Georg erlauben den
Schluss, dass es sich bei diesem „Spital“ auch um das 1741 erbaute „Siech- und
Krankenhaus“, aber auch um das von Hoffmann beschriebene „Lazarett“ in der
Gänsegrube handeln muss. Nahezu bestätigend beschreibt Bürgermeister Robert
Härtwig 1906 in seinen Aufzeichnungen zum Stadtbesitz der Stadt Oschatz ein
„Hospital“ gegenüber der Gänsegrube, am sogenannten Wirtschaftsweg nach
Naundorf, welcher die Gänsegrube und das Hospitalgrundstück trennte. Er führte
aus:
„Als
alter Besitz ist hervorzuheben die sogenannte Gänsegrube, ein alter Steinbruch
... sodann das alte Hospital mit Garten, dessen Gebäude so baufällig war, dass
es Anfang der 80er Jahre abgetragen werden musste...“
 Spital in Oschatz um 1830
In der Tat wurde dieses „Spital“
nach einer Begehung durch den städtischen Bauausschuss 1883 von der Stadt
abgerissen. Das Haus wurde auch nicht mehr benötigt, weil die Stadt schon 1840
für Krankenstuben im „Roten Vorwerk“ gesorgt hatte.
Die Oschatzer Hospitäler haben
das Gemeinwesen der Stadt deutlich beeinflusst. Sie waren wirtschaftliche
Betriebe, wie das „Hospital zu St. Georgen“ und das „Hospital zum fernen
Siechen“ mit ihren landwirtschaftlichen Besitzungen und sie haben die
Stadtentwicklung mit nach ihnen bezeichneten Stadtteilen, Straßen und Gebäuden
geprägt. Denken wir nur an die Bezeichnungen „Hospitalviertel“,
„Hospitalstraße“, „Hospitaltor“, „Hospitalbrücke“ „Hospitalvorstadt“ und
„Hospitalholz“.
Wenn wir die weitere Entwicklung
des Krankenhauswesens in Oschatz verfolgen, dann gilt das „Rote Vorwerk“ in der
Bahnhofstraße zu Recht als eigentlicher Vorläufer unseres heutigen
Krankenhauses am Stadtpark. Es soll im 12. Jahrhundert erbaut worden sein, ist
eine der ältesten und wichtigsten Anlagen außerhalb der Stadt gewesen und wurde
im Laufe der Jahrhunderte „Praschwitzer Vorwerk“, „Vorwerk vor dem Brüdertor“
und schließlich wegen seiner roten Ziegeln „Rotes Vorwerk“ genannt. Mit der
Übernahme des Roten Vorwerks von der Kirche in den Besitz der Stadt im Jahre
1838, wurde die Umgestaltung der Hospitäler zu Krankenhäusern, die in Europa
schon hundert Jahre früher begonnen hatte, auch in Oschatz eingeleitet. Die
ersten Bewohner im Hauptgebäude des Roten Vorwerks waren die aus dem
Franziskanerkloster verlegten Armen und Kranken. Zwei Jahre später, im Jahre
1840, wurden im nordwärts gerichteten Nebengebäude des Roten Vorwerks die
ersten Krankenstuben eingerichtet, aus denen sich in den folgenden fünfzig
Jahren das erste Stadtkrankenhaus in Oschatz entwickelte.
 Rotes Vorwerk
Foto: Günther Hunger
Das Königreich Sachsen hatte 1936
mit dem „Gesetz über die Organisation der unteren Medizinal-Behörden“ die
Stadträte in Sachsen aufgefordert, Vorschläge zur Errichtung von
Medizinalbezirken einzureichen und die Anstellung von Bezirksärzten
vorzubereiten. Der Oschatzer Stadtrat bemühte sich danach bei der vorgesetzten
Behörde in Leipzig um einen „...besonderen Medizinalbezirks für hiesige Stadt
und die Anstellung eines Bezirks- auch Gerichts- und Armenarztes und
Armen-Accoucheurs5“. Am 1. Oktober 1838 trat die „Verordnung, die
Bildung der künftigen Medizinalpolizei- und tierärztlichen Bezirke betreffend“
in Kraft. Es wurden die Kreisdirektionen Budissin (Bautzen), Dresden, Leipzig
und Zwickau mit insgesamt 34 Medizinalbezirken geschaffen. Die Stadt Oschatz
gehörte als 9. Medizinalbezirk der Kreisdirektion Leipzig an. Für die damit
verbundene Stelle eines besoldeten Stadtbezirksarztes hatten sich Dr. med.
Friedrich August Türk, Dr. med. Johann Daniel Knabe und Dr. med. Friedrich
August Wilhelm Hofmeister beworben. Der Stadtrat entschied sich für den in
Oschatz ansässigen Herrn Dr. Hofmeister, der dieses Amt bis zu seinem Tode 1850
ausübte. Mit dieser Funktion waren weitgehende Aufgaben und Befugnisse im
Auftrage des Staates verbunden. Neben der gutachterlichen Tätigkeit bei
Gericht, der Aufsichtspflicht über die im Bezirk tätigen „Medizinalpersonen“,
Apotheken und Heilquellen sowie über den Handel mit Nahrungsmitteln, war der
Stadtbezirksarzt für die „Leitung und Besorgung des Impfgeschäfts“ und die
„Regulierung des Hebammenwesens“ verantwortlich. Er hatte ferner
„medizinalpolizeiliche Vorkehrungen bei ausbrechenden Kontagionen6
und Epidemien zu treffen und zu leiten“ sowie „die Revision der Lokal-, Armen-,
Kranken-, Findel-, Waisen- und Arbeitshäuser in medizinischer Hinsicht“
durchzuführen. Damit war auch die Zuständigkeit des Oschatzer
Stadtbezirksarztes für die Krankenstuben im Roten Vorwerk festgelegt.
Nach dem Tode des
Stadtbezirksarztes Dr. Hofmeister am 20. Juli 1850, musste die Stelle des
„Stadtbezirks- und Armenarztes, auch Geburtshelfers“ neu besetzt werden. Nach
einer Ausschreibung in der Beilage zur Leipziger Volkszeitung vom 28. August
1850 und Sichtung der Bewerbungen wählte der Stadtrat Herrn Dr. med. Ernst
Moritz Siegert aus Ehrenfriedersdorf für die Stadtbezirksarztstelle aus. Mit
seinem Dienstantritt am 10. Januar 1851 war auch wieder die Betreuung der
Kranken im Roten Vorwerk durch die Stadt gewährleistet. In den folgenden
Jahrzehnten bekamen die Krankenstuben langsam den Charakter eines städtischen
Krankenhauses. Obwohl einerseits die Wohnbedingungen und besonders die
sanitären Verhältnisse sehr kritikwürdig waren, so wurden andererseits schon
Inventarlisten zu den Einrichtungsgegenständen in den Krankenstuben geführt,
Aufstellungen über die Belegung der Einrichtung angefertigt und besonders
Patienten mit ansteckenden Krankheiten erfasst. Wenn man die Darstellung einer
Oschatzer Tageszeitung über die Wohnungssituation und die sanitären Zustände in
der Stadt noch im Jahre 1890 berücksichtigt, bekommt man eine ungefähre
Vorstellung von den Bedingungen, die im Roten Vorwerk geherrscht haben müssen.
Mit diesen bestehenden Umständen wollte sich der zuständige Stadtbezirksarzt
Dr. Siegert aber nicht abfinden.
Für den Jahresbericht des
„Sächsischen Landes-Medizinal-Kollegiums“ zum Medizinalwesen im Königreich
Sachsen im Jahre 1882 erarbeitete der Oschatzer Stadtbezirksarzt Dr. Siegert
einen Bericht über die Aufenthaltsbedingungen der Kranken und die
Arbeitsbedingungen der Ärzte und Pflegekräfte im Städtischen Krankenhaus „Rotes
Vorwerk“. Die Kreishauptmannschaft Leipzig erhielt davon Kenntnis und verlangte
vom Oschatzer Stadtrat 1883 eine Stellungnahme zur Frage eines möglichen
Krankenhausneubaus. Unter Hinweis auf die desolate Finanzlage der Stadt musste
der Stadtrat der Leipziger Kreishauptmannschaft aber mitteilen, einen
Krankenhausneubau auf spätere Jahre zurückstellen zu müssen. Die unzumutbaren
Verhältnisse im Roten Vorwerk veranlassten Herrn Dr. Siegert dennoch im Oktober
1884 erneut, die Zustände im Städtischen Krankenhaus zu beschreiben und den
Stadtrat aufzufordern, den Neubau eines Krankenhauses in Angriff zu nehmen. Er
schrieb:
„Dem geehrten Stadtrat ist
bekannt, dass unser hiesiges Stadtkrankenhaus viele Mängel zeigt. Es hat zu
wenig und zu kleine Krankenstuben, die Zimmerhöhe beträgt in 4 Krankenstuben
nur 2,12 m (3¾ Ellen), während sie in den gewöhnlichen Wohnstuben mindestens
2,85 m betragen soll. Im Hofe des Krankenhauses ist viel lärmender Verkehr,
welcher namentlich schwer Erkrankte stört. Es ist kein Garten vorhanden, in
welchem sich die Kranken ergehen und frische Luft schöpfen könnten. Das
Vordergebäude des Klosters (gemeint ist das Hauptgebäude des Roten Vorwerks, d.
Verf.), in welchem sich das Krankenhaus befindet, wird zahlreich von Menschen
bewohnt, indem in demselben die 12 Klosterfrauen und auch noch 4 Familien
untergebracht sind. Im Parterre des Krankenhauses befindet sich die
Arbeitsschule für Knaben. Es leuchtet wohl ein, dass ansteckende Krankheiten
vom Krankenhause aus auch auf diese Bewohner des Klosters und auf die
Schulkinder übertragen werden können.
Als im Herbst 1882 bis zum
Frühjahr 1883 eine Typhusepidemie in Oschatz herrschte und die Notwendigkeit
vorhanden war, möglichst viele Typhuskranke ins Krankenhaus aufzunehmen, da kam
der Krankenhausarzt oft in peinliche Verlegenheit, auf welche Weise er die
vielen Patienten in den wenigen und kleinen Krankenstuben unterbringen sollte.
Und doch ist es sehr wichtig, dass Kranke, welche an einer ansteckenden
Krankheit leiden und in stark bevölkerten Häusern wohnen, Aufnahme im
Krankenhaus finden, indem auf diese Weise das Überhandnehmen einer ansteckenden
Krankheit in der Stadt verhütet werden kann.
Da nun bei den vielen Mängeln
unseres Krankenhauses die dringende Notwendigkeit vorliegt, ein neues
Krankenhaus zu erbauen, so richtet der ergebenst Unterzeichnete an den geehrten
Stadtrat die Bitte, derselbe wolle für einen passenden Bauplatz sorgen und den
Bau möglichst bald in Angriff nehmen.“
Dieses Schreiben führte dazu,
dass Bürgermeister Robert Härtwig den Stadtbezirksarzt beauftragte, einen
Bauplan für das zu erbauende neue Krankenhaus auszuarbeiten. Damit begannen die
Planungen für den Bau des Stadtkrankenhauses am Stadtpark. Der Baubeginn ließ
aber noch zehn Jahre, bis zum Sommer 1894, auf sich warten.
Der
Bau des Stadtkrankenhauses Oschatz am Stadtpark von 1894 bis 1895
Um es vorweg zu nehmen, die
schlechte finanzielle Situation der Stadt sowie das Beharren einzelner
Stadtverordneter auf ihren Meinungen zum Bau eines in die Zukunft weisenden Krankenhauses
gegen den Rat ausgewiesener Fachleute der Kreishauptmannschaft Leipzig und der
Leipziger Universität, hatten eine sich nahezu endlos hinziehende
Vorbereitungs- und Planungszeit zur Folge.
Im Herbst 1885 besuchten der
Bürgermeister und der Stadtbezirksarzt das als mustergültig geltende, 1880
erbaute Krankenhaus in Döbeln. Unter diesem Eindruck und in Kenntnis des 1869
erbauten Krankenpflegehauses Wilster in Schleswig-Holstein legte Dr. Siegert am
30. Oktober 1885 seine Vorstellungen zum Krankenhausneubau in einem 20-seitigen
Schreiben dem Stadtrat vor. Bei Berücksichtigung der wachsenden Einwohnerzahl
der Stadt forderte Dr. Siegert ein Hauptgebäude mit 30 Betten, eine
Isolierbaracke für infektiöse Kranke und ein Nebengebäude. Im Letzteren sollten
die Wäscherei, ein Bad für Krätzekranke, die Leichenkammer sowie ein
Sektionsraum eingerichtet werden. Er schlug unter Hinweis auf hygienische
Anforderungen vor, das neue Krankenhaus in freier Lage zu erbauen, eine
Unterkellerung, Hochparterre und eine Etage vorzusehen. Sehr ausführlich
beschreibt er die Lage der Verwaltungsräume und Krankenzimmer, die Höhe, den
notwendigen Flächen- und Luftraumbedarf pro Bett, die Beleuchtung, Beheizung,
Ventilation und Ausstattung der Krankenzimmer.
 Skizze für das neue Oschatzer
Stadtkrankenhaus von Stadtbezirksarzt Dr. med. Ernst Moritz
Siegert im Jahre 1885
Als Bauplatz bevorzugte er den Dippoldisberg (gemeint ist die
Anhöhe westlich des heutigen Feuerwehrdepots, zwischen der Reithausstraße und
dem Gelände des Landratsamtes, d. Verf.) mit einer Größe von 16.000 m2, unter
Zugrundelegung von 200 m2 Fläche für jeden Kranken. Leider musste Bürgermeister
Robert Härtwig auch dieses weitreichende Programm am 01. Juli 1886 wegen der zu
lösenden Probleme mit den maroden und fehlenden Wasserleitungen in der Stadt
und wegen des fehlenden Geldes erneut auf spätere Jahre verschieben. Die
Missstände in den Krankenstuben des „Roten Vorwerks“ ließen den
Stadtbezirksarzt aber nicht ruhen. Schon am 18. April 1887 machte er den
Stadtrat erneut mit den folgenden Ausführungen auf die dringende Notwendigkeit
eines Krankenhausneubaus aufmerksam:
„Das
Bedürfnis nach einem neuen Krankenhaus wird immer dringender, da seit der
Errichtung der Ortskrankenkasse das Krankenhaus viel öfter benutzt wird. Beim
Auftreten ansteckender Krankheiten namentlich des Typhus, der Cholera und
Diphtheritis ist es höchst wichtig, dass die zuerst Erkrankten sofort im
Krankenhaus Aufnahme finden, um die Weiterverbreitung der Krankheit in der
Stadt möglichst zu verhüten. Es kommt demnach ein neues erweitertes Krankenhaus
allen Einwohnern der Stadt Oschatz zugute. Wenn die Stadt von der Cholera
heimgesucht werden sollte, so werden wir alle in die größte Verlegenheit
geraten, wo die Kranken ein Unterkommen finden können. Der Referent hat schon
im Jahre 1885 im Auftrage des geehrten Stadtrates ein Programm für das neu zu
erbauende Krankenhaus entworfen, und in demselben die Anzahl der Betten auf 30
festgestellt. Da das Krankenhaus wie schon erwähnt, in der Bauzeit mehr benutzt
wird, so dürfte es wohl geraten sein, die Zahl der Betten auf 40 zu erhöhen“.
Der Bürgermeister beauftragte
daraufhin den Bauausschuss der Stadt, einen entsprechenden Bauplatz
vorzuschlagen. Nach Besichtigung der in Betracht kommenden Standorte einigte
man sich auf die „Gänsegrube“ und stellte der wiederholt dringlich anfragenden
Kreishaupt-mannschaft Leipzig und dem Stadtbezirksarzt den Baubeginn eines
neuen Stadtkrankenhauses für das Jahr 1891 in Aussicht. Man begründete die
Verzögerung mit Mehrkosten für den Wasserleitungsbau in der Stadt, der
notwendigen Erweiterung des Friedhofes, der Erneuerung der Friedhofskirche, dem
Bau einer Leichenhalle und der Begradigung der Döllnitz. Das
Krankenhausvorhaben ruhte.
 Robert
Ernst Härtwig (1846-1931), Bürgermeister der Stadt Oschatz von 1879 bis 1914
Am 23. Mai 1889 wandte sich Dr.
Siegert mit einem ausführlichen Zustandsbericht über das Städtische Krankenhaus
im „Roten Vorwerk“ wieder an die Kreishauptmannschaft Leipzig. Detailliert
schildert er die räumlichen Zustände im Stadtkrankenhaus im „Roten Vorwerk“,
gibt für jedes Krankenzimmer die unzureichenden Flächen- und Raummaße an,
beschreibt den lärmenden Verkehr im Krankenhaushof und auf der Bahnhofstraße,
beklagt die unzulänglichen sanitären Verhältnisse und hebt aber die
ausgezeichnete Beköstigung der Patienten hervor. Abschließend lobt er auch die
Anstrengungen der Stadtväter um den Bau der Bürgerschule, den
Wasserleitungsbau, die Beschleusung der Straßen, die Anlage des Stadtparkes und
zeigt sich mit den Vorstellungen von Bürgermeister Robert Härtwig, den
Krankenhausbau im Frühjahr 1891 zu beginnen, sehr einverstanden.
Wenige Tage später, am 05. Juni
1889 berichtete Dr. Siegert dem Stadtrat von seinen Besuchen in verschiedenen
neu erbauten Krankenhäusern Sachsens: „Im
Interesse des neu zu bauenden Krankenhauses für die Stadt Oschatz hat der
ergebenst Unterzeichnete vier neu erbaute Krankenhäuser und zwar das zu Döbeln,
das zu Borna, das zu Zittau und das zu Frankenberg besichtigt. Von den vier
genannten Krankenhäusern hat dem Referenten das Krankenhaus zu Frankenberg ganz
besonders gefallen und kann dasselbe dem geehrten Stadtrat bei Erbauung des
neuen Krankenhauses als Muster empfohlen werden“.
Nach wiederholten kritischen
Anfragen der Kreishauptmannschaft Leipzig zeigte sich der Stadtrat fest
entschlossen, den Krankenhausneubau 1891 zu beginnen. Diese Absicht veranlasste
Bürgermeister Härtwig sicher auch, am 5. und 6. Mai 1890 die Krankenhäuser in
Frankenberg und Burgstädt zu besichtigen. Das Burgstädter Krankenhaus
beeindruckte den Bürgermeister besonders. Die Planungen für einen Neubau wurden
nun intensiviert. Reger Schriftverkehr, Einsicht in die Baubeschreibungen des
Krankenhauses Burgstädt, Kostenvoranschläge und der Zukauf von Bauland prägten
die folgenden Monate.
Im Februar 1892 erhielten die
Stadtverordneten eine Ratsvorlage über das Krankenhausprojekt zur
Mitentschließung. Mit einem Kostenaufwand von 225.000 Mark plante der Stadtrat
ein 53-Betten-Haus mit Haupt- und Nebengebäude in der „Gänsegrube“. Die
Stadtverordneten lehnten diese Vorstellungen mit der Begründung ab: „.
. . das Krankenhaus sollte in erster Linie für den Bedarf der Stadt Oschatz
berechnet werden und es werde ein Hauptgebäude für 25 Betten und eine Baracke
für 15 Betten (letztere zur Unterbringung der Ansteckungskranken und zur
Vorsorge für außerordentliche Inanspruchnahme bestimmt) für ausreichend
erachtet“.
Außerdem forderten sie die
Verlagerung des Bauplatzes aus der „Gänsegrube“ heraus nach Südwesten,
gegenüber dem Stadtpark. Danach erhielt die Bauverwaltung den Auftrag die
Baupläne zu überarbeiten. Im Auftrage des Stadtrates erstellte der
Stadtbezirksarzt Dr. Siegert am 22. Mai 1892 ein erneutes Gutachten für den
Bauausschuss der Stadt. In seinen Ausführungen forderte er unter anderem, das
Krankenhaus nicht, wie vorgeschlagen, in die „Gänsegrube“, sondern in eine
„hohe und freie Lage“, wie sie gegenüber dem Stadtpark gegeben wäre, zu bauen.
Er begründete seine Überlegungen mit dem Auftreten von dichtem Nebel im
Döllnitztal, im Oschatzer Volksmund „weiße Madam“ genannt, und fürchtete bei
mangelnder Durchlüftung des Krankenhauses in der „Gänsegrube“ ein feuchtes und
die Heilungen verzögerndes Klima in den Krankenzimmern. Weiter machte er auf
die räumliche Enge in der Gänsegrube aufmerksam und erachtete es für sehr
wichtig, an einen möglichen späteren Anbau an das Krankenhaus zu denken.
Ergänzend zu diesem Gutachten drängte Herr Dr. Siegert am 8. Juni 1892 in
seinem letzten Schreiben an den Stadtrat noch einmal auf eine in jeder
Beziehung optimale Lage des künftigen Krankenhauses und schreibt:
„Es
dürfte sich empfehlen, das Krankenhaus, wie es ursprünglich geplant war, auf
dem höher gelegenen Terrain des Krankenhausbauplatzes zu erbauen, (gegenüber
des Stadtparkes, d. Verf.) dadurch würden die Vorteile erzielt werden, dass das
Krankenhaus nicht von den zeitweilig vorkommenden Nebeln erreicht werden würde,
dass es eine freiere für die Ventilation günstigere Lage erhalten würde,
endlich dass sich ein späterer Anbau, wenn die Hauptfront nach Süden zu liegen
kommt, leicht bewerkstelligen lassen würde...”
Es ist bemerkenswert, wie
weitsichtig der unter den denkbar schlechtesten Bedingungen arbeitende
Stadtbezirks- und Armenarzt seine Vorstellungen zur zukünftigen
Krankenbetreuung in Oschatz geltend machte.
Nach den Überarbeitungen der
Pläne durch den Bauausschuss und den gutachterlichen Beurteilungen durch den
Stadtverordneten Dr. med. Paul Hille und den Stadtbezirksarzt Dr. med.
Ernst-Moritz Siegert, lagen dem Stadtrat und den Stadtverordneten im September
1892 nunmehr drei Projekte für den Krankenhausneubau vor. Eine Einigung wurde
dadurch aber nicht leichter.
Die eskalierenden
Meinungsverschiedenheiten der städtischen Kollegien betrafen im Wesentlichen
den Krankenhausstandort, die Bettenzahl des neuen Hauses, den Bau einer
Isolierbaracke und den Einbau der Küche im Dachgeschoss. „Der Oschatzer
Gemeinnützige“ kommentierte im November 1892 die Situation sarkastisch mit den
Worten: „Man
beriet mit Heftigkeit über das zu erbauende Krankenhaus, holte eigens zu diesem
Zweck den Leipziger Professor, Geheimrat Dr. Hofmann hierher, auch den
unmittelbaren Verwaltungsvorgesetzten, den Kreishauptmann von Ehrenstein. Man
trug den Plan auf dem Papier rings um die ganze Stadt herum, ohne ihn
auszuführen“.
Auch nach Begutachtungen durch
den Hygieniker Prof. Dr. Hofman (Leipzig) und den Architekten Jummel (Leipzig)
sowie nach einer gemeinschaftlichen Sitzung des Stadtrates und der
Stadtverordneten konnten die Meinungsverschiedenheiten nicht überbrückt werden.
Der Stadtrat hatte sich auf ein 40-Betten-Krankenhaus ohne Isolierbaracke und
mit Einbau der Küche im Dachgeschoss festgelegt und hatte einem Bauplatz
gegenüber dem Stadtpark zugestimmt (der heutige Standort der Collm Klinik, d.
Verf.). Die Kosten für das Gesamtprojekt lagen jetzt bei etwa 125.000 Mark.
Auch dieses Konzept lehnten die Stadtverordneten mit der Begründung ab, dass
eine Isolierbaracke fehle, die Unterbringung der Küche und Wirtschaftsräume im
Dachgeschoss unpraktisch sei und eine begrenzte Ausschreibung des
Krankenhausneubaus erfolgen müsse.
Diese Vorstellungen lehnte der
Stadtrat kategorisch ab und wandte sich an die Kreishauptmannschaft Leipzig mit
der Bitte, eine gemeinschaftliche Sitzung des Stadtrates und der
Stadtverordneten mit Vertretern der Kreishauptmannschaft durchzuführen. Im Juni
1893 fand diese Sitzung statt. Aber auch in Anwesenheit von hochrangigen
Vertretern der Kreishauptmannschaft Leipzig und anerkannter medizinischer
Sachverständiger konnten die städtischen Kollegien keine Einigung über den zu
errichtenden Krankenhausbau erzielen. Der Stadtrat übertrug nun die
Entscheidung über den Krankenhausneubau an die Kreishauptmannschaft Leipzig und
informierte in einem 2-seitigen Zeitungsbeitrag die Öffentlichkeit. Die
Stellungnahme der Kreishauptmannschaft Leipzig vom 14. Juli 1893 hatte „...dahin
entschieden, dass dem Beschlusse des Stadtrates nachzugeben und dem
abweichenden Beschlusse der Stadtverordneten keine weitere Folge zu geben ist.“
Die Behörde befürwortete
ebenfalls ein 40-Betten-Krankenhaus, lehnte den Bau einer Isolierbaracke ab und
sprach sich für den Einbau der Küche im Dachgeschoss nach amerikanischem
Vorbild aus. Auch damit gab sich das Stadtverordneten-Kollegium nicht
einverstanden, befand das Krankenhausprojekt im Kern zu groß, zu teuer sowie
ungeeignet für die Stadt Oschatz und legte Beschwerde beim Sächsischen
Innenministerium ein. Eine entsprechende Rekursschrift wurde am 10. August 1893
eingereicht und vom Innenministerium unter Berücksichtigung einer
gutachterlichen Stellungnahme des „Landes-Medizinal-Kollegiums“ mit den
folgenden Worten am 14. Dezember 1893 verworfen: „.
. . dass der vom Stadtrat für sein zu errichtendes Krankenhaus gewählten Bauweise
vom Standpunkte der ärztlichen Wissenschaft und Erfahrung irgendwelche Bedenken
nicht entgegenstehen.“
Damit wurden die Baupläne des
Stadtrates ausdrücklich gebilligt und es stand dem Neubau eines
Stadtkrankenhauses am Stadtpark nichts mehr im Wege.
Rückblickend muss man heute
feststellen, dass es der Weitsicht und dem unermüdlichen Drängen des
Stadtbezirksarztes Dr. Siegert sowie der Geduld, Geschicklichkeit und
Durchsetzungskraft des Bürgermeisters Robert Härtwig und seiner Ratsmitglieder
zu danken ist, dass der Krankenhausneubau nicht durch Provinzialismus und
Inkompetenz einiger Stadtverordneter weiter in das 20. Jahrhundert verschleppt
wurde. Für Dr. Siegert muss es eine Genugtuung gewesen sein, die Bauarbeiten am
neuen Stadtkrankenhaus und dessen Eröffnung noch erleben zu dürfen. Er verstarb
nach 45 Jahren ärztlicher Tätigkeit am 1. April 1896 in Oschatz.
Mit den Bauarbeiten wurde im Juni
1894 begonnen, das Richtfest fand am 24. August 1894 statt und schon ein Jahr
später, am 10. September 1895 bezog der erste Patient das Krankenhaus.

Frontansicht
und Rückansicht des Stadtkrankenhauses Oschatz am Stadtpark nach der
Eröffnung1895
Die Gesamtbaukosten einschließlich der
Inneneinrichtung betrugen 122.679,89 Mark und blieben damit unter dem
vorgegebenen Betrag von 125.000,00 Mark. Aufgrund seiner Architektur und Lage
wurde das Haus bald eine Zierde der Stadt und reihte sich erfolgreich in die
zahlreichen um die Jahrhundertwende in Oschatz entstandenen sehenswerten
Gebäude, wie das Lehrerseminar – heute Thomas-Mann-Gymnasium (1874), die
Bürgerschule – heute Mittelschule, ehem. Pestalozzi-Gymnasium (1881/83), das
Postamt in der Lutherstraße – heute Volksbank (1885) und die Realschule – heute
Berufsschule (1886) ein.
Das Stadtkrankenhaus im „Roten
Vorwerk“ wurde 1895 geschlossen. Die Krankenstuben im Hauptgebäude an der
Vorwerksgasse und das Nebengebäude wurden zu Wohnzwecken vermietet, die Scheune
zunächst verpachtet und später für kommunale Zwecke genutzt.
Teile des Roten Vorwerkes, das
nach Norden gerichtete Nebengebäude und die östlich das Grundstück abgrenzende
Scheune, wurden im Jahre 2004 abgerissen. Mit der geplanten Beseitigung des
noch stehenden Hauptgebäudes an der Vorwerksgasse schließt die Geschichte des
Stadtkrankenhauses im „Roten Vorwerk“.
Die Entwicklung des Stadtkrankenhauses unter der Leitung des
Krankenhausausschusses von 1895 bis 1935
Der zügige Baufortschritt hatte
den Stadtrat veranlasst mit Ratsbeschluss vom 21. Februar 1895, den Königlichen
Bezirksarzt Dr. med. Rudolf Theobald Wilhelm Streit zum 1. April 1895 als
ersten Krankenhausarzt für ein Jahresgehalt von 600 Mark am neuen
Stadtkrankenhaus anzustellen. Man verband damit die Erwartung, dass Dr. Streit
die Einrichtung und Ausstattung des 40-Betten-Hauses mitgestaltet und an der Schaffung
der neuen Verwaltungsstrukturen mitarbeitet. Schon am 13. Mai 1895 teilte Dr. Streit
seine Vorstellungen über die Leitung des Hauses in einem Schreiben dem Rat der
Stadt mit. Er wandte sich gegen die Absicht des Rates,
„...einen
verheirateten Hausverwalter anzustellen und diesem die Verwaltung im
Allgemeinen zu übertragen, ihn aber außerdem noch zur Krankenpflege zuzuziehen,
während die Frau desselben die Küche und Wäsche zu besorgen hat“.
Er führte dann weiter aus:
„...denn
es wird durch eine solche Einrichtung der Betrieb ganz bedeutend verteuert und
alle Ersparnisse, die gemacht werden, fließen in die Tasche des betreffenden
Verwalters; ferner aber ist die Kontrolle eines solchen Beamten äußerst
schwierig und zum Teil unmöglich und die Verpflegung der Kranken lässt meist
sehr viel zu wünschen übrig“.
Dr. Streit erwähnte dann die
schlechten Erfahrungen verschiedener Städte und schlug vor, zwei Schwestern, am
besten Diakonissen einzustellen, von denen man einer als Oberschwester die
Verwaltung, Küche und Wäsche übertragen sollte, während die andere sich
ausschließlich der Krankenpflege zu widmen hätte. Großenhain und Meißen hätten
mit dieser Regelung sehr gute Erfahrungen gemacht, schreibt er und ist der
Meinung, dass außer diesen beiden Schwestern noch ein Küchenmädchen und ein
Arbeiter für gröbere Verrichtungen, wie das Heizen der Öfen aber auch für die
gelegentliche Krankenpflege angestellt werden könnten und man mit diesem
Personal zunächst auskommen würde. Abschließend ersuchte Dr. Streit den Rat
eindringlich, bei der Direktion des Diakonissenhauses in Dresden vorstellig zu
werden.
Nach intensiven Bemühungen des
Bürgermeisters Robert Härtwig sagte die Ev.-Luth. Diakonissen-Anstalt Dresden
nach Abschluss eines Vertrages vom 10. Juni 1895 zwischen der Direktion der
Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden und dem Stadtrat zu, zum 19. August 1895
den Dienstantritt der noch in Meißen tätigen Diakonisse, Schwester Magdalene
Grafe, als erste Leitende Schwester sicher zu stellen.
Die Verwaltung des Krankenhauses
im Roten Vorwerk unterstand in den vergangenen Jahren der
Armenversorgungsbehörde. Dies schien für das wesentlich größere
Stadtkrankenhaus nicht mehr angemessen. Die Vorstellungen Dr. Streits von der
Verwaltung des Stadtkrankenhauses wurden dann auch in der Sitzung des
Armenausschusses vom 10. Juli 1895 bestätigt. Unter der Leitung des
Vorsitzenden, Stadtrat Carl Gottfried Kutzsche und in Anwesenheit des geladenen
Krankenhausarztes entschied man, dem Stadtrat vorzuschlagen, einen
Krankenhausausschuss zu bilden und dazu 2 Stadträte und 3 Stadtverordnete zu
wählen. Ferner wurden in dieser Sitzung die ersten Verpflegsätze für das neue
Krankenhaus vorgelegt.
In der Stadtverordnetensitzung
vom 2. August 1895 unter Leitung von Herrn Rechtsanwalt Justizrat Arno
Pernitzsch und in Anwesenheit der Ratsmitglieder, Bürgermeister Robert Härtwig
und Stadtrat Carl Gottfried Kutzsche, bestätigten die Stadtverordneten die
Bildung eines Krankenhausausschusses und wählten in diesen den Oberstabsarzt
a.D. Dr. med. Paul Hille, den Kaufmann Karl Kühne und den Zahntechniker August
Zeidler. Stadtrat Carl Gottfried Kutzsche übernahm den Vorsitz des
Krankenhausausschusses. In gleicher Sitzung legten die Stadtverordneten dem
Stadtrat nahe, dem Hausarbeiter und Hilfswärter für das Krankenhaus eine
jährliche Besoldung von 360 Mark, freie Wohnung, freie Station und freie Wäsche
zu gewähren sowie die künftige Besetzung der Stellen im Krankenhaus nur auf
Probe und jederzeitigen Widerruf vorzunehmen. Ferner wurden die vom Armenhausaussschuss
vorgeschlagenen Verpflegsätze nach Zustimmung des Rates auch von den
Stadtverordneten einstimmig genehmigt. Man beabsichtigte folgende Sätze zu
erheben:
1,50 Mark pro Tag für alle
Kranken der Armenkasse, der Ortskrankenkasse, der Fabrikkrankenkassen, der
Schuhmachergesellenkrankenkasse sowie für Einwohner der Stadt Oschatz, welche
hier unterstützungsberechtigt sind und keiner Krankenkasse angehören, auf ihre
eigenen Kosten verpflegt werden und kein besonderes Zimmer beanspruchen. Alle
haben Medizin, Verbandmittel und ggf. Nachtwachen zu bezahlen.
2,00 Mark pro Tag für
Privatkranke welche hier wohnen, aber die hier keinen Unterstützungswohnsitz
besitzen sowie für Auswärtige (außer Medizin, Verbandmittel und ggf.
Nachtwachen).
3,00 Mark pro Tag für Kranke aus
der Stadt Oschatz welche ein extra Zimmer beanspruchen (außer ärztlicher
Behandlung, Medizin, Verbandmittel und ggf. Nachtwachen).
4,00 Mark pro Tag für Auswärtige
welche ein extra Zimmer beanspruchen (außer ärztlicher Behandlung, Medizin,
Verbandmittel und ggf. Nachtwachen).
Der gebildete
Krankenhausausschuss wurde verpflichtet, „.
. . die Aufsichtsführung und Leitung des Krankenhausbetriebes zu besorgen und
alle das Krankenhaus betreffenden Vorlagen (für die städtischen Kollegien, d.
Verf.) vorzubereiten“.
Die rechtlichen Grundlagen für
die Bildung und Arbeitsweise des Krankenhausausschusses waren die „Allgemeine
Städteordnung für das Königreich Sachsen“ von 1832, die „Königlich Sächsische
Revidierte Städteordnung und Städteordnung für mittlere und kleine Städte“ von
1873 sowie die „Geschäftsordnung für das Stadtverordneten-Kollegium“. Die
Mitglieder des Krankenhausausschusses wurden nach den Wahlen für den Stadtrat
und die Stadt-verordnetenversammlung in den Ausschuss gewählt. Neben den ständigen
Mitgliedern nahmen der Krankenhausarzt und entsprechend der anstehenden
Probleme, die Oberschwester sowie Fachleute aus der Stadtverwaltung an den
Ausschusssitzungen teil.
Am 20. August 1895 fand, wenige
Tage vor der Eröffnung des Stadtkrankenhauses, die erste
Krankenhausausschusssitzung nachmittags um 17:00 Uhr im neuen Krankenhaus
statt. Bürgermeister Robert Härtwig übernahm an diesem Tag selbst den Vorsitz.
Weiter waren anwesend: Stadtrat Ernst Adolf Schmorl (Rechtsanwalt),
Stadtverordneter Dr. med. Paul Hille (Oberstabsarzt a.D.), Stadtverordneter
Karl Kühne (Kaufmann), Stadtverordneter August Zeidler (Zahntechniker),
Krankenhausarzt Dr. med. Rudolf Streit und Oberschwester Diakonisse Magdalene
Grafe. Damit waren die wichtigsten verwaltungstechnischen Voraussetzungen für
die Eröffnung und Arbeit des neuen Stadtkrankenhauses geschaffen.
Endlich, am 10. September 1895
wurde das zweigeschossige Klinkergebäude in Betrieb genommen. Das Erdgeschoss
wurde für Männer und das Obergeschoss für Frauen vorgesehen. Im Dachgeschoss
befanden sich die Wohnräume für das Personal und die Küche. Die Behandlungen
der Patienten führte in der Regel, der als Belegarzt tätige Krankenhausarzt
durch. Es war aber auch möglich, dass sich die Patienten von ihrem Hausarzt
behandeln lassen konnten. Die Leitung des Stadtkrankenhauses lag in Händen des
eingesetzten Krankenhausausschusses.
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Carl Gottfried Kutzsche
(1845-1927), Vorsitzender des Krankenhausausschusses von 1895 bis 1914, Ehrenbürger der Stadt Oschatz
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Theodor Georg Schulze
(1867-1943), Vorsitzender des Krankenhausausschusses von 1914 bis 1932, Ehrenbürger der Stadt
Oschatz
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Seit seiner Gründung 1895 wurde
der Ausschuss von Stadtrat Carl Gottfried Kutzsche bis 1914 geleitet. Er war
von 1892 bis zu seiner Pensionierung 1914 Stadtrat und Stellvertreter von
Bürgermeister Robert Härtwig.
Carl Gottfried Kutzsche galt als
erfahrener Verwaltungsfachmann und hat gerade in den ersten Jahren nach der
Eröffnung des Stadtkrankenhauses die Konsolidierung des Hauses maßgeblich
gefördert, zumal die ärztliche Leitung häufig wechselte. Der in seiner Amtszeit
1899 gegründete Krankenhausfreibettenfonds mit Spenden und Vermächtnissen
vermögender Oschatzer Bürger ausgestattet, ermöglichte neben Wohlhabenden auch
den Armen der Stadt einen bezahlbaren Krankenhausaufenthalt. Gemeinsam mit Dr.
med. Rudolf Streit (1895–1896), Dr. med. Ernst Rechholtz (1896–1901), Dr. med.
Alfred Schmidt (1901–1906), Dr. med. Wilhelm Frommolt (1906–1910) und Dr. med. Arthur
Sulzberger (ab 1911) hat Kutzsche 1903 und 1909 für die Anschaffung der
neuesten Röntgengeräte gesorgt, die bald nicht mehr funktionsfähige Ofenheizung
1906 gegen eine Zentralheizung in Verbindung mit einer
Warmwasseraufbereitungsanlage und Desinfektionsanlage installieren lassen, die
Vergrößerung des Operationsaales 1911 durchgesetzt und ständig an der baulichen
Erweiterung der zu knapp bemessenen Diensträume und sanitären Anlagen
gearbeitet. Besonders die Raumnot aber auch die fehlende Möglichkeit, Kranke
mit Infektionen zu isolieren, leiteten die Bestrebungen des
Krankenhausausschusses um den Anbau einer Baracke, was aber vom Stadtrat 1906
zunächst abgelehnt wurde. Das Fehlen einer solchen Baracke wurde jedoch von der
Bevölkerung aus Angst vor möglichen Epidemien mit Sorge beobachtet. In einem
Lied zum Oschatzer Heimatfest 1906 kann man in der 13. Strophe folgenden Text
lesen:
„Rechts
steht das schöne Krankenhaus, ´s fehlt ´ne Baracke dran. Und kommt die Chol´ra
heute, legt man die kranken Leute in die Kirschbude dann“.
Carl Gottfried Kutzsche wurde
1909 für seine verdienstvolle Arbeit die Ehrenbürgerschaft der Stadt Oschatz
verliehen. Eine Parallelstraße der Oschatzer Friedensstraße trägt noch heute
seinen Namen.
Stadtrat Georg Schulze übernahm
nach dem Ausscheiden von Carl Gottfried Kutzsche aus der Stadtverwaltung die
Leitung des Krankenhausausschusses von 1914 bis 1932, seit 1923 in der
gleichzeitigen Funktion als 2. Bürgermeister der Stadt Oschatz. In seine
Amtszeit fielen die Jahre des 1. Weltkrieges, die Inflation, die
Weltwirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit, die große finanzielle
Belastungen für das Krankenhaus darstellten, dem Krankenhauspersonal unpopuläre
Entscheidungen zumutete und den Krankenhausausschuss vor unzählige Probleme
stellten.
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Dr. jur. Konrad Franz
Constantin Sieblist (1880-1969), Bürgermeister der Stadt Oschatz von 1914 bis
1939
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Albert Johannes Wolf (1884-1966), 2. Bürgermeiser der Stadt Oschatz von 1935 bis 1945,
Vorsitzender des Krankenhausausschusses von 1932 bis 1935
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Mit dem Ausbruch des 1.
Weltkrieges 1914 wurde die ärztliche Versorgung der Patienten durch die
Einberufung Dr. Sulzbergers zu einer Sanitätskompanie am 14. Januar 1917 in
Frage gestellt. Der Krankenhausausschuss und Stadtrat versuchten über die
Königliche Amtshauptmannschaft Oschatz, Herrn Dr. Sulzberger vom Militärdienst
freizustellen, was aber nicht gelang. Ärzte aus dem Oschatzer Lazarett mussten
für die Vertretung gewonnen werden und wurden dann selbst zum Kriegsdienst
abkommandiert. Erneut musste ein Arzt für das Stadtkrankenhaus gewonnen werden.
Auf Bitten des Stadtrates übernahm der Praktische Arzt Dr. med. Georg
Schwarzbach aus Oschatz für die Zeit vom 22. März 1917 bis 31. Dezember 1918
die Leitung des Stadtkrankenhauses mit Unterstützung eines Chirurgen aus dem
örtlichen Lazarett. Am 01. Januar 1919 trat Dr. Sulzberger wohlbehalten wieder
seinen Dienst im Stadtkrankenhaus an.
Die sich entwickelnde Inflation
führte zunehmend zu einer massiven Steigerung der Krankenhausverpflegsätze, der
Kosten für ärztliche und apparative Leistungen und der Lohnkosten. Der damit
verbundene Verwaltungsaufwand war riesig. Ständige Auseinandersetzungen mit den
Krankenkassen, der Ev.-Luth. Diakonissen-Anstalt Dresden und den sich
organisierenden Arbeitnehmerverbänden um die Höhe der Krankenhausverpflegsätze
und Entlohnung der Mitarbeiter prägten die Arbeit des Krankenhausausschusses
und seines Vorsitzenden. Die nach dem 1. Weltkrieg einsetzende verheerende
Arbeitslosigkeit und damit verbundene Zahlungsunfähigkeit der Kranken
beschäftigte den Ausschuss mit der permanenten „Eintreibung“ der
Krankenhauskosten. Um die herrschende Lebensmittelnot zu lindern und eine
gewisse Selbstversorgung zu garantieren, musste 1922 der Grasgarten in einen
Gemüsegarten umgestaltet werden. Ein Jahr später veranlassten
Krankenhausausschuss und Stadtrat den Einbau eines Schweinestalles im
Nebengebäude des Stadtkrankenhauses.

Die Lebensmittelnot in den
Inflationsjahren führte 1923 zum Einbau von Schweineställen im Nebengebäude des
Stadtkrankenhauses
Trotz dieser personellen und
wirtschaftlichen Schwierigkeiten gelang es dem Krankenhausausschuss unter dem
Vorsitz von Georg Schulze, das Stadtkrankenhaus auch in diesen Jahren weiter zu
modernisieren, notwendige medizinische Einrichtungsgegenstände anzuschaffen,
technische Verbesserung im Operationssaal durchzuführen und die Elektroanlage
des Hauses zu vervollkommnen.
In der Jubiläumsausgabe der
Lokalzeitung „Der Oschatzer Gemeinnützige“ vom 1. Oktober 1926 beschrieb
Bürgermeister Schulze die Situation des Stadtkrankenhauses wie folgt:
„.
. . bietet das am Stadtpark gelegene neu erbaute Stadtkrankenhaus der
Einwohnerschaft von Oschatz und der Umgebung räumlich angenehmen Aufenthalt und
ausgezeichnete ärztliche Behandlung. In ihm können 56 Kranke untergebracht
werden. Krankenzimmer sind der Größe nach für stärkere oder geringere Belegung
vorhanden, für Privatkranke stehen besondere Zimmer zur Verfügung. Das ganze
Haus ist mit einer Niederdruckdampfheizung versehen. Für die verschiedenen
Heilverfahren stehen Bäder und neuzeitliche Heilapparate zur Verfügung. Zur Unterstützung
der Diagnose dient ein im Vorjahr angeschaffter Röntgenapparat. Das Haus ist
von einem ausgedehnten Garten umgeben, den auch die Kranken zum Aufenthalt
benutzen können“.
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Krankenzimmer mit 6 Betten |
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Der Operationssaal mit Dr. Sulzberger
(hinten), Dr. Meißner und Dresdener Diakonissen
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Wegen steigender Patientenzahlen,
1914 wurden 328 Patienten jährlich betreut, dagegen 1926 schon 578 und
technischen Raumbedarfs gab der Krankenhausausschuss 1928 den Anbau einer
Baracke mit Liegehalle und 1930 den Aufbau eines Trockenbodens auf dem
Nebengebäude in Auftrag.
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Ansichten des
Stadtkrankenhauses mit der 1928 erbauten Baracke und Liegehalle
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Nach 50-jähriger Tätigkeit für
die Stadt Oschatz und 18-jähriger Arbeit im Krankenhausausschuss wurde Georg
Schulze am 28. September 1932 in den Ruhestand verabschiedet. Die städtischen
Kollegien ehrten seine Arbeit mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der
Stadt Oschatz und seine Verdienste um das Stadtkrankenhaus wurden mit der
Umbenennung der Parkstraße in „Bürgermeister Schulze-Straße“ gewürdigt.
Stadtrat Johannes Wolf leitete
danach von 1932 bis 1935 den Krankenhausausschuss. Von 1935 bis 1945 war
Johannes Wolf Erster Beigeordneter und Stellvertretender Bürgermeister in der
Stadtverwaltung Oschatz. In seiner Amtszeit als
Vorsitzender des Krankenhausausschusses wurde Herr Dr. Sulzberger im Sommer
1933 nach 22 Jahren leitender ärztlicher Tätigkeit im Stadtkrankenhaus
verabschiedet und mit Dr. Paul Meißner erstmalig ein beamteter Arzt als
Chefarzt eingestellt.
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Dr. med. Arthur Sulzberger
(1873-1951), Chirurg, Praktischer Arzt und Geburtshelfer, Chefarzt des
Stadtkrankenhauses Oschatz von 1911 bis 1933
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Dr. med. Paul Meißner (1900-
1967), Facharzt für Chirurgie, Chefarzt des Stadtkrankenhauses von 1933 bis
1939
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Gemeinsam mit Chefarzt Dr. Meißner und Dr.
Deschler organisierte Johannes Wolf 1934 die Anschaffung eines neuen
Röntgengerätes und leitete die dringend notwendige Erweiterung des
Krankenhauses ein. Den Umbau des Krankenhauseinganges und den Anbau des
Südflügels zwischen 1936 und 1939 konnte Johannes Wolf in seiner Funktion als
Vorsitzender des Krankenhausausschusses nicht mehr erleben. Seine direkte
Arbeit für das Krankenhaus endete 1935 mit den Strukturveränderungen in der
Stadtverwaltung.
Die zurückliegenden Jahre des
Stadtkrankenhauses waren ärztlich geprägt durch die Tätigkeit Dr. Sulzbergers,
der als Chirurg und praktischer Arzt hohes Ansehen in der Bevölkerung genoss.
Das breite Spektrum seiner Tätigkeit geht aus den 1925 eingeführten sogenannten
Erhebungsbögen für Krankenhäuser hervor. Neben Infektionskrankheiten, wie
Diphtherie, Masern, Scharlach, Typhus und Tuberkulose wurden vor allem
chirurgische Erkrankungen aber auch normale Entbindungen sowie
Schwangerschafts-, Geburts- und Wochenbett-anomalien behandelt.
Dr. Sulzberger, aus Wurzen
stammend, war 1904 nach Oschatz gekommen und hatte sich als Praktischer Arzt in
der Lutherstraße Nr. 12, später in der Promenade Nr. 33, niedergelassen. Sein
Arbeitsschwerpunkt lag entsprechend seiner Ausbildung bei Professor Dr.
Madeling in der Chirurgischen Universitätsklinik in Straßburg, in der
Chirurgie, was auch seine umfangreiche operative Belegarzttätigkeit im
Stadtkrankenhaus erklärt. Im Jahre 1911 wurde ihm das Stadtkrankenhaus
übertragen, das er bis 1933 als Krankenhausarzt ärztlich leitete. Im Jahre 1912
hatte er das Haus in der Promenade Nr. 21 bauen lassen (heute Notar Dr. Wittko,
d. Verf.), wo er neben seiner Tätigkeit im Stadtkrankenhaus erfolgreich seine
Sprechstunden durchführte. Drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem
Stadtkrankenhaus setzte er sich zur Ruhe, verzog 1936 nach Wörth am Walchsee in
Bayern und verstarb dort 1951.
Die engagierte, zum Wohle des
Krankenhauses und der Stadt geleistete Arbeit des Krankenhausausschusses Stadt
Oschatz wurde mit der Machtergreifung Hitlers beendet. Die letzte
Krankenhausausschusssitzung7 fand
am 6. März 1935 statt. Für das Stadtkrankenhaus Oschatz war nun die städtische
Verwaltungsabteilung „Wohlfahrtsamt und Krankenhausverwaltung“ bis 1945
zuständig.
1 Hospital,
frz.: Armen-, Kranken- oder Siechhaus
2 Spital:
Kurzform für Hospital
3 Lazarett,
ital.: Kranken- oder Siechhaus, Sund- oder Wundhaus, nach dem Namen des Schutzheiligen Lazarus
4 Venusseuche:
Bezeichnung für Geschlechtskrankheiten
5 Accoucheur,
frz.: Geburtshelfer
6 Kontagion,
lat.: Ansteckung, Übertragung
7 Siehe
„Die Protokolle des Krankenhausausschusses des Stadtrates zu Oschatz - 1895 bis
1935“
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